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Berg-Karabach:Der Konflikt, der den Kalten Krieg überdauert hat

  • Zwischen armenischen und aserbaidschanischen Truppen ist es am Wochenende zu schweren Kämpfen gekommen.
  • Bei dem Konflikt geht es um die Region "Berg-Karabach" - beide Staaten beanspruchen das Gebiet für sich.
  • Aserbaidschan hat eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, nachdem EU, USA und Russland ein Ende der Gewalt gefordert haben.
  • Das christliche Armenien wird von Russland unterstützt, das muslimisch geprägte Aserbaidschan von der Türkei.

Im Südkaukasus, in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Türkei, Syrien, dem Irak und Russland, droht ein lange ruhender Konflikt erneut auszubrechen. Zwischen Armenien und Aserbaidschan kam es am Wochenende zu Kämpfen, bei denen 30 Soldaten starben. Beide Staaten beschuldigen sich gegenseitig, für die Gewalt verantwortlich zu sein. Es handelt sich um die heftigsten Gefechte in der abgelegenen Region Berg-Karabach seit mehr als 20 Jahren. Nach Angaben des armenischen Präsidenten Serge Sarkissjan wurden 18 armenische Soldaten getötet, weitere 35 Soldaten seien verletzt worden. Laut dem Verteidigungsministerium in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, töteten armenische Einheiten zwölf aserbaidschanische Soldaten und schossen einen Hubschrauber ab.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, er sei besonders besorgt über "den Einsatz schwerer Waffen und die hohe Opferzahl". Der UN-Generalsekretär rief alle Beteiligten auf, "den Kämpfen ein sofortiges Ende zu setzen". Auch die USA, Russland, die EU und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderten ein Ende der Gewalt.

Worum geht es in dem Konflikt?

Die Diplomaten sind aus gutem Grund beunruhigt, denn der Konflikt zwischen dem christlichen Armenien und dem muslimisch geprägten Aserbaidschan gärt schon seit Jahrzehnten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 führten die nun unabhängig gewordenen Teilrepubliken Aserbaidschan und Armenien bis 1994 Krieg um das Kaukasusgebiet Berg-Karabach. 30 000 Menschen wurden in dem Krieg getötet, knapp eine Million vertrieben. Seit dem Waffenstillstand 1994 ist die Region unter Kontrolle armenischer Truppen und Milizen, betrachtet sich selbt aber als unabhängige Republik. Seit der Vertreibung aserbaidschanischer Einwohner sind die meisten der 150 000 Einwohner armenische Christen.

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Doch die Wurzeln des Konflikts reichen tiefer. Schon im 1937 erstmals veröffentlichten Roman "Ali und Nino", der als Nationalliteratur Aserbaidschans gilt, nimmt die Feindschaft zwischen beiden Seiten die Hauptrolle ein. Der Muslim Ali verliebt sich darin in eine Prinzessin, doch kurz vor der Hochzeit wird sie von einem christlichen Armenier entführt. Die Handlung lässt sich aus aserbaidschanischer Sicht auf den Konflikt um Berg-Karabach übertragen. Derartige Narrative nutzen Nationalisten auf beiden Seiten seit Jahren, um die Stimmung weiter anzuheizen. Armenien hat sich durch den anhaltenden Streit international isoliert - die Türkei hat die gemeinsame Grenze geschlossen - und ist wirtschaftlich abgehängt. Nun berichten armenische Medien, Tausende "aktive Bürger" und "Freiheitskämpfer" hätten sich in die Konfliktregion aufgemacht.

Zugleich sind beide Staaten mit modernsten Waffen ausgerüstet. So behauptete das armenische Verteidigungsministerium, die aserbaidschanische Armee habe schwere Artillerie eingesetzt, dabei sei ein zwölfjähriger Junge getötet worden. Die aserbaidschanische Seite sprach von der Zerstörung armenischer Panzer. Das ölreiche Aserbaidschan hat laut BBC allein von Russland militärisches Gerät im Wert von vier Milliarden US-Dollar gekauft, die Führung in Baku hat wiederholt damit gedroht, das abtrünnige Gebiet zurückzuerobern. Moskau versorgt auch Armenien mit schweren Waffen wie Panzern. Das Konfliktgebiet selbst ist nach Angaben von Hilfsorganisationen schwer vermint.

Warum ist der Konflikt international so bedeutsam?

International gefährlich machen den Konflikt die verworrenen Interessen der anderen Großmächte in der Region. Der Kreml sieht sich vorwiegend als Schutzmacht Armeniens und hat Soldaten dort stationiert - wohl auch als Zeichen der Stärke an die Türkei. Der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, sagte angesichts der aktuellen Entwicklungen, er werde Aserbaidschan "bis zum Ende" in dem Konflikt unterstützen. "Wir beten, dass unsere aserbaidschanischen Brüder aus den Zusammenstößen mit den wenigsten Verlusten hervorgehen", zitiert die Nachrichtenagentur AFP den türkischen Präsidenten.

Zudem kritisierte Erdoğan die "Minsk-Gruppe" der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die nach einer friedlichen Lösung für den Konflikt sucht. Die Diplomaten hätten die Situation unterschätzt, sagte Erdoğan. "Die Schwäche der Minsk-Gruppe hat bedauerlicherweise zu dieser Situation geführt."

Internationale Vermittlungsbemühungen, den endgültigen Status von Berg-Karabach zu klären, stecken seit Jahren fest. Die erneute Gewalt könnte diesen diplomatischen Prozess noch schwieriger machen. Am Sonntagvormittag soll es zu weiteren Kämpfen gekommen sein, mittlerweile hat Aserbaidschan eine einseitige Waffenruhe erklärt. Allerdings würden alle von den armenischen Truppen besetzten Gebiete "befreit", sollte das armenische Militär seine "Provokationen" nicht stoppen.

© SZ.de/Mit Material von AFP und dpa/sks
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