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Verteidigungsministerium:Berater und Freund des Hauses

Verteidigungsministertreffen im Format 'Northern Group'

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wollte ein Zeichen setzen: Mit Beratern verändern wir die Truppe.

(Foto: dpa)
  • Die Beraterfirma Accenture erhielt einen der fragwürdigen Millionenaufträge vom Verteidigungsministerium.
  • Mitarbeiter Timo Noetzel plante, das Ministerium zum "Diamant-Kunden" seiner Firma zu machen.
  • Nun sagt er im Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre im Bundestag aus.
  • Dort wird deutlich, dass Noetzel beste Drähte ins Ministerium hat.

In den Chef-Büros im Verteidigungsministerium waren die Berater gerne gesehen. Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) war beeindruckt von der Analysekraft und dem Tatendrang der Externen. Sie hatte 2014 mit Katrin Suder eine Mc-Kinsey-Managerin als Rüstungsstaatssekretärin zu sich ins Haus geholt. Sie wollte ein Zeichen setzen: Mit Beratern verändern wir die Truppe. Aber in den Vorzimmern, da befanden sich die Beamten in Gefechtslage. Sie empfanden die Berater als Eindringlinge. Es galt, deren Einfluss zurückzudrängen. Dabei ging es nicht zimperlich zu, wie ein Vorfall aus dem Sommer 2018 zeigt.

Damals platzte dem Büroleiter von General Erhard Bühler, damals Chef der Abteilung Planung im Ministerium, der Kragen: Das Haus war dabei, einen Großauftrag zu vergeben. Es ging um umfangreiche Datenerfassung und -auswertung, zunächst für das Transportflugzeug Airbus A400M. Es sollte eines der größten Digitalisierungsvorhaben werden. Aber es war nicht sein Chef, der General, der hier die Anweisungen gab, sondern der Berater Timo Noetzel vom Beraterkonzern Accenture.

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Noetzel hatte am Büroleiter vorbei über die Sekretärin eine Einladung für einen Airbus-Manager in Auftrag gegeben und damit einen heftigen Streit ausgelöst. Der Büroleiter, Oberst K., schrieb daraufhin eine E-Mail an Noetzel. Es sei schon bemerkenswert, heißt es darin, mit "welcher Selbstverständlichkeit" sich Noetzel des Büros bediene. Seit Jahren schon löse das Vorgehen des Beraters unter den Mitarbeitern "Irritationen" aus. Nun aber sei ein "Maß an Unverschämtheit und Respektlosigkeit" erreicht, wie er es in 42 Dienstjahren noch nicht erlebt habe.

Der Konflikt zeigt, wie die Stimmung im Haus tatsächlich war. Auf Arbeitsebene herrschte teils offene Feindseligkeit. Jetzt sitzt dieser Timo Noetzel, 42 Jahre alt, dunkler Anzug und Krawatte, vor Abgeordneten des Bundestages. Es ist Donnerstag, es tagt der Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre.

Es geht längst nicht nur darum, wer wie viel Macht im Ministerium hat. Es geht darum, wie ein System außer Kontrolle geraten konnte. Der Rechnungshof hat aufgedeckt, dass über Jahre im Ministerium am Vergaberecht vorbei Verträge mit Beratern geschlossen wurden. Auch die Firma, für die Noetzel arbeitet, Accenture, hat von Aufträgen in Millionenhöhe profitiert. Es wurde Geld aus einem Rahmenvertrag abgerufen, auf den die Bundeswehr gar nicht hätte zugreifen dürfen. Sie umging damit die Ausschreibung.

Mit der Bundeswehr hatte Noetzel Großes vor. Er wollte die Truppe zum "Diamant-Kunden" machen

Nun stellen sich Fragen wie diese: Welche Rolle spielte es, dass Noetzel beste Drähte ins Ministerium hat? Konnte Noetzel sich alles erlauben? Kam es womöglich zu Vetternwirtschaft?

Klar ist: Noetzel und General Bühler kennen sich seit 2006. Beide waren Weggefährten, lange schon bevor sie sich aufmachten, die Truppe zu modernisieren und digitalisieren: Als General Bühler im Kosovo Truppen befehligte, half ihm Noetzel als Reservedienstleistender, sich auf diese Mission vorzubereiten. Noetzel hat Politikwissenschaft studiert. Er gilt als sicherheitspolitischer Experte. Er hat als Analyst und Berater unter anderem für die Nato gearbeitet. Er und Bühler duzen sich. Und Bühler wurde 2016 Taufpate aller fünf Kinder von Noetzel. Ob er darin ein Problem für sich gesehen hat, wird er im Ausschuss von Abgeordneten gefragt: "Nein." Den General würde er nicht als Freund bezeichnen, keineswegs als "Buddy", wie in der Presse zu lesen gewesen sei. Er habe in ihm "einen Mentor" gesehen.

Noetzel gilt als ehrgeizig. Sonst hätte er wohl kaum geschafft, bei Accenture so rasant aufzusteigen. Er managt mittlerweile das Europageschäft mit Kunden aus der Verteidigungsbranche. Mit der Bundeswehr hatte er Großes vor. Er wollte die Truppe zum "Diamant-Kunden" seines Unternehmens machen. Das sind die, die mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz einbringen. So schreibt er das in seinem Firmenblog. Und darin prahlte er mit seinen guten Kontakten ins Ministerium. Seit 2015 sei es gelungen, in dessen Spitze einen "Brückenkopf" zu errichten.

Noetzel hat tatsächlich Zugang zu ganz oben. Bühler ist schon ein wichtiger Mann im Ministerium. Aber noch wichtiger ist damals Staatssekretärin Katrin Suder. Suder und er kennen sich auch schon länger. Sie sind befreundet, wie er im Ausschuss erzählt. 2013, Noetzel hatte als strategischer Berater beim damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück angeheuert, lernte er die McKinsey-Managerin kennen. Auch die Familien freundeten sich an. Das Verhältnis blieb eng. Aber im Ausschuss besteht er darauf, auch Suder habe ihn "zu keinem Zeitpunkt" bevorzugt. Suder habe im Übrigen 2016 ihre enge Freundschaft zu ihm der zuständigen Stelle im Ministerium gemeldet. Accenture habe die Aufträge bekommen, weil das Unternehmen "besondere Fähigkeiten habe und nicht besondere Beziehungen". Die Vernehmungen in den vergangenen Wochen im Ausschuss hatten ergeben, dass offenbar kein anderes Unternehmen als Accenture für diesen Auftrag infrage kommen sollte. Eine leitende Beamtin hatte ausgesagt, als man sich für das Datenprojekt entschieden habe, sei klar gewesen: "Wir machen es mit Accenture."

Ein Kollege schilderte, wie der Auftrag quasi an seinem Schreibtisch vorbei an Accenture vergeben worden war. Er habe von einem Vertreter der Beraterfirma am Telefon erfahren, dass diese längst in dieser Angelegenheit tätig sei, obwohl noch gar nicht abschließend geklärt war, ob die geplante Finanzierung über einen bestimmten Rahmenvertrag zulässig war. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte er kürzlich zum Erstaunen der Parlamentarier im Ausschuss aus.

Suder hat im Frühjahr 2018 das Ministerium auf eigenen Wunsch verlassen. Accenture pflegt aber seine Beziehungen. Noetzel berichtet, dass sich seine Firma später um Suder bemüht habe. Es habe auch ein Treffen gegeben. Aber es sei schnell klar gewesen, dass derzeit eine Zusammenarbeit "ausgeschlossen" sei.

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