bedeckt München 23°

Benedikt XVI. in Deutschland:Bedenkenswerte Gedanken - und folgenreiche

Das waren grüne und christliche, das waren auch für Sozialisten und Liberale bedenkenswerte Gedanken. Man muss sie sehr wohl diskutieren in einem Staat, dessen Verfassung mit der Anrufung Gottes beginnt: "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das Deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben."

Der Weg zu diesem Grundgesetz führte durch Abgründe. Am Wegrand lagen Auschwitz, Dachau und Treblinka, am Wegrand standen Gestapo, Herrenmenschen und ein Recht, das kein Recht mehr war. Die Erinnerung daran steht als Mahnung in Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Für die Mütter und Väter des Grundgesetzes lag es nahe, sich hier auf Gott zu berufen, weil die Nazis die Inkarnation der Gottlosigkeit waren. Für Christen ist also der Gott am Beginn des Grundgesetzes der göttliche Gott; für Nichtchristen ist er Chiffre für Grundwerte, die der Mehrheitsentscheidung entzogen sind. Die Rede des Papstes war der Versuch, die Grund- und Menschenrechte auf das Christentum zurückzuführen - der Versuch einer Versöhnung mit der Aufklärung.

Benedikts Behauptung freilich, das Christentum habe dem Staat und der Gesellschaft nie eine Rechtsordnung aus göttlicher Offenbarung vorgegeben, ist historisch nicht haltbar. Die katholische Rechtslehre unterscheidet spätestens seit der scholastischen Theorie zwischen dem "Naturrecht" und dem "positiv-göttlichen Recht", das aus der Offenbarung hergeleitet und auch für das weltliche Recht für verbindlich gehalten wurde.

Innerkirchliche Konsequenzen

Darauf beruht seit jeher die Lehre über die Stellung des Papstes in der Welt, darauf beruhen auch die kirchlichen Positionen im Eherecht. Entscheidend für die Lösung des Rechts von der Autorität biblischer Aussagen war die Theorie der Aufklärung. Wenn der Papst nun das "Offenbarungsrecht" als Autorität für die staatliche Ordnung verabschiedet, kann man darin die Anerkennung dieser aufgeklärten Position sehen.

Bemerkenswert: Sein Bekenntnis zur Gleichheit aller Menschen vor dem Recht und zum Rechtsstaat. Hier ist ein Durchgriff auf das Naturrecht nicht mehr üblich, weil diese Grundrechte in Verfassungen und Konventionen festgeschrieben sind. Spektakulär aber ist, was sich aus dem Bekenntnis des Papstes ergeben müsste: Die Geltung dieser Rechte im innerkirchlichen Bereich!

Diese Frage blieb in der Rede offen; sie kann aber nicht offen bleiben. Sie betrifft die Stellung der Frauen und der Laien in der Kirche, sie betrifft die Hierarchie. Wenn sich Benedikt XVI. zu den Grund- und Menschenrechten bekennt, kann er sie innerkirchlich nicht missachten.

© SZ vom 23.09.2011/gal

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite