Süddeutsche Zeitung

Benedikt XVI. in den USA:Papst trifft überraschend Opfer pädophiler Priester

Bei seiner ersten USA-Reise nimmt sich Papst Benedikt XVI. nicht nur für Vertreter anderer Weltreligionen Zeit, sondern auch für Amerikaner, die von katholischen Priestern sexuell missbraucht wurden. Heute steht ein Auftritt vor der Vereinten Nationen auf dem Programm des Pontifex.

Papst Benedikt XVI. ist mit einem persönlichen Treffen mit Missbrauchsopfern pädophiler Priester bei seinem USA-Besuch weit über die Erwartungen hinausgegangen.

Er rückte damit seine Bemühungen um Sühne und Wiedergutmachung für den die amerikanische katholische Kirche seit Jahren erschütternden Skandal in den Mittelpunkt seiner ersten Papstreise in die Vereinigten Staaten.

Ein Verband der Opfer, das Netzwerk der Überlebenden der von Priestern Missbrauchten (The Survivors Network of those Abused by Priests), sprach von einem "positiven Schritt auf einem sehr langen Weg".

Benedikt traf sich nach Angaben von Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Donnerstag mit fünf oder sechs inzwischen erwachsenen Opfern von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche.

Er habe ihnen Mut und Hoffnung zugesprochen, mit ihnen gebetet und sich Zeit für eine Begegnung unter vier Augen mit jedem von ihnen genommen. Einige seien mit Tränen in den Augen aus der Begegnung gekommen, sagte Lombardi.

"Auch spiritueller Missbrauch"

Einige Opfer berichteten im US-Fernsehsender CNN von ihrer Begegnung mit dem Papst. Bernie McDaid sagte, er sei Messdiener gewesen, als er von einem Priester sexuell belästigt worden sei. Er habe Benedikt gesagt: "Es war nicht nur sexueller Missbrauch, es war auch spiritueller Missbrauch. Und ich will, dass Sie das wissen."

McDaid und zwei weitere Teilnehmer beschrieben die Begegnung mit dem Papst in der Kapelle der Washingtoner Vatikan-Botschaft als sehr offen und emotional. Lombardi sagte, es sei vermutlich das erste Treffen eines Papstes mit Missbrauchsopfern von Priestern überhaupt.

Mehr als 4.000 Priester sind in den USA beschuldigt worden, seit den 50er Jahren Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. Die Kirche zahlte mehr als zwei Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) Schmerzensgeld. Der Skandal nahm eine nationale Dimension an, als der Fall eines geistlichen Serientäters in Boston vielen Opfern den Anstoß gab, auch ihre Geschichte öffentlich zu machen. Sechs Diözesen brachten die Kosten des Skandals in die Zahlungsunfähigkeit.

"Tiefe Scham"

Ein Sprecher der von Geistlichen in den USA missbrauchten Kinder, Gary Bergeron, sagte, sein Versuch, vor einigen Jahren im Vatikan Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. zu treffen, sei damals gescheitert. Das Treffen Benedikts sei ein "lange erwarteter Schritt in die Richtung", sagte der 45-Jährige, der nicht zu der vom Papst empfangenen Gruppe gehörte.

"Die katholische Kirche ist zum Teil auf Symbolik gebaut, und ich denke, das Symbol, dass davon ausgegangen wäre, wenn er sich nicht mit Opfern getroffen hätte, verheerend gewesen wäre", sagte Bergeron. Es war erwartet worden, dass Benedikt den Sexskandal nur einmal während seiner sechstägigen US-Reise zur Sprache bringt.

Schon bei seiner Ankunft in den USA erklärte er, der Skandal erfülle ihn mit "tiefer Scham". Den versammelten US-Bischöfen schrieb er später ins Stammbuch, sie hätten die Krise "manchmal schlecht gehandhabt" und sie müssten den Opfern entgegenkommen. Dasselbe forderte er bei einer Messe im Washingtoner Baseballstadion von den Gemeindemitgliedern.

Auftritt vor der UN-Generalversammlung

Heute steht mit der Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) der Höhepunkt der sechstägigen Reise auf dem Programm. Es wird erwartet, dass der Papst in seiner Rede eine Stärkung der Menschenrechte und der UN fordert. Außerdem steht ein Kurzbesuch in einer Synagoge in New York auf dem Programm.

Bereits am Donnerstag traf sich Benedikt in Washington mit Vertretern der Juden, um ihnen zum bevorstehenden Pessachfest zu gratulieren. Dabei betonte Benedikt erneut die gemeinsamen Wurzeln von Christen und Juden. Der Dialog der beiden Religionen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Anfang der 60er Jahre habe "die Beziehungen fundamental zum Besseren gewandelt", meinte Benedikt.

Allerdings ging Benedikt nicht auf die jüngsten Spannungen durch die neue Form der lateinischen Karfreitags-Fürbitte ein. Jüdische Gemeinden in Deutschland und den USA hatten sich empört geäußert, weil das durch Benedikt geänderte Gebet nach wie vor eine Bitte nach Bekehrung der Juden enthält.

Ein pastoraler Höhepunkt der sechstägigen Reise war eine Messe vor rund 50.000 Gläubigen am Donnerstag im Baseball-Stadion in Washington. Benedikt warnte dabei vor einer Zerrüttung der sozialen Beziehungen, vor steigender Gewalt und Entfremdung zwischen den Menschen. "Wir sehen klare Zeichen eines Besorgnis erregenden Zusammenbruchs der Grundlagen der Gesellschaft", rief er der Menge zu.

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