Belgrad General Mladic offenbar gestellt

Laut Medienberichten soll einer der meistgesuchten mutmaßlichen Verbrecher des Bosnien-Krieges gefasst worden sein - nach mehr als zehn Jahren auf der Flucht. Belgrad und Den Haag weisen die Meldung jedoch zurück.

Von Bernhard Küppers

Die erste Nachricht von der Festnahme kam von einem privaten Fernsehsender in der bosnischen Serbenrepublik. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Serbiens in Belgrad, Tanjug, verbreitete sie weiter.

Einer der Hauptfiguren des bosnischen Bürgerkrieges: General Ratko Mladic

(Foto: Foto: AP)

Ratko Mladic sei gefasst und solle an das Haager Tribunal für Kriegsverbrechen ausgeliefert werden, hieß es. Die Auslieferung solle über Tuzla geschehen, wo noch ein Restkontingent amerikanischer Truppen stationiert ist.

Über Tuzla war seinerzeit auch der frühere Belgrader Machthaber und Beschützer Mladics, Slobodan Milosevic, nach Den Haag ausgeflogen worden.

Die Mutmaßungen über Mladics Aufenthaltsort gingen am Dienstagabend auseinander: In einigen Medienberichten war von Belgrad die Rede, andere sprachen vom gebirgigen Grenzgebiet zwischen Bosnien und Serbien. Andere mutmaßten, Mladic befinde sich bereits auf dem amerikanischen Stützpunkt "Adler" in Bosnien.

"Täuschungsmanöver"

Auf die Nachricht folgten Dementis des Den Haager Tribunals und des Sprechers des serbischen Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica. Die Sprecherin der Den Haager Chefanklägerin Carla del Ponte nannte die Medienberichte über eine Festnahme "voreilig".

"Die Nachricht von der Verhaftung Mladics stimmt nicht", erklärte auch der Belgrader Sprecher. Mladic sei weder verhaftet, noch gebe es "sonstige besondere Aktivitäten".

Einheimische Journalisten in Belgrad sahen in dem Dementi ein Täuschungsmanöver. Sie hatten zuvor von zuständiger Seite den Tipp bekommen, dass eine Aktion im Gange sei, Mladic zu "orten".

Das Dementi der Verhaftung fassten die Beobachter als Versuch der Regierung Kostunicas auf, aus der Verhaftung Mladics eine freiwillige Übergabe zu machen.

So hatte es Kostunica mit allen Auslieferungen gehalten, die er seit 2004 bewerkstelligt hatte. Die Nachrichtenagentur AP berichtete am Dienstagabend, die serbischen Behörden verhandelten mit Mladic über dessen Aufgabe. Der bosnisch-serbische Ex-General soll bereits früher Geld dafür verlangt haben, sich zu stellen.

In den vergangenen Monaten lief Ministerpräsident Kostunica Gefahr, seinen bisherigen Haupterfolg - die Assoziierungsverhandlungen mit der EU - wegen mangelnder voller Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal zu verspielen.

Chefanklägerin Carla Del Ponte übte Druck auf Brüssel aus, die EU solle die Verhandlungen mit Serbien aussetzen, wenn Belgrad nicht besser mitarbeite. Sie warf der Regierung von Serbien-Montenegro vor zu wissen, wo Mladic sich aufhalte.

Zuflucht bei der Armee

Unter diesen Umständen wurde Belgrad aktiv. Der militärische Geheimdienst musste im Januar zugeben, dass Mladic bis Juni 2002 in Objekten der Armee Zuflucht gefunden hatte.

In einem Bericht führte der Geheimdienst mehr als 50 Namen von Offizieren aus Serbien und der bosnischen Serbenrepublik auf, die ihm auch danach geholfen haben sollen.

Zwei davon wurden in der Zwischenzeit verhaftet. Auch die politische Entscheidung über Ratko Mladics Auslieferung soll längst gefallen sein.

Der für die Zusammenarbeit mit dem Den Haager Tribunal zuständige serbische Minister Rasim Ljajic sagte am Montag, die Umstände dafür seien so günstig wie nie. Eine Umfrage zeige, dass 57 Prozent der Bevölkerung Serbiens für eine Auslieferung Mladics seien.

Jahre der Flucht

Mladic ist wegen Völkermords während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 angeklagt. Zusammen mit dem flüchtigen Chef der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, soll er für die Ermordung von 8000 Muslimen in Srebrenica und den Tod von 10.000 Zivilisten bei der Belagerung Sarajewos verantwortlich sein.

Es waren die größten Massaker in Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Kein Verantwortlicher wurde bislang verurteilt. Noch Jahre nach dem Krieg lebte Mladic unauffällig in Belgrad. Er tauchte 2002 unter, als Machthaber Slobodan Milosevic gestürzt wurde.

Der internationale Druck auf Serbien-Montenegro zur Auslieferung Mladics war stark gestiegen, nachdem Anfang Dezember der kroatische Ex-General Ante Gotovina auf den Kanaren festgenommen worden war.

Derzeit sucht das UN-Tribunal außer Mladic fünf flüchtige Serben. Unter ihnen ist auch Radovan Karadzic, der das Massaker von Srebrenica angeordnet haben soll. Es wird vermutet, dass Karadzic sich in Bosnien versteckt.