Belgiens Atomaufsicht Wie auf dem Misthaufen

Das Kernkraftwerk Tihange in Belgien: Der Zustand der Atomaufsicht des Landes ist einer Studie zufolge desaströs.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Ein Bericht unabhängiger Wirtschaftsprüfer lässt die Haare zu Berge stehen: Die Zustände in der staatlichen Behörde sind offenkundig desaströs.

Von Thomas Kirchner

Die Kommentatorin von Le Soir versuchte es mit einem in diesem Zusammenhang eher schrägen Bild: Wenn sich die Deutschen die Montagsausgabe ihrer Zeitung "übersetzen lassen", schrieb sie, "dann werden sie wohl auf der Stelle Material bestellen, um eine Schutzmauer zwischen unseren beiden Ländern zu bauen". Mit Mauern gegen radioaktive Wolken ist das so eine Sache. Was die Brisanz der Enthüllung der belgischen Zeitung betrifft, liegt die Journalistin aber richtig: Die deutschen Nachbarn werden die Nachricht wohl entrüstet zur Kenntnis nehmen.

Grüne Politiker haben Le Soir den Bericht unabhängiger Wirtschaftsprüfer über die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc zugesteckt. Der Befund lässt sich in einem Wort zusammenfassen: desaströs. Untersucht werden sollte, ob und wie die Behörde funktioniert, auch ob sie integer und unabhängig genug ist. Der Aufsichtsrat hatte einigen Grund, das zu bezweifeln, nachdem Fanc-Direktor Jan Bens vor einem Jahr zugegeben hatte, in den 1990ern während seiner Zeit in Kasachstan Umschläge voller Schmiergeld verteilt zu haben. Der Bericht basiert auf ausführlichen Gesprächen mit der Führung der Fanc, der Kommunikationsabteilung, Mitarbeitern sowie externen Experten, die laufend mit der Behörde zu tun haben. Er soll dem Aufsichtsrat erst an diesem Freitag vorgestellt werden. Die Grünen hielten den Inhalt aber für so bedenklich, dass sie ihn an die Öffentlichkeit brachten.

Das Klima in der Behörde sei "sehr angespannt", zitiert Le Soir aus dem Urteil der Prüfer, die Arbeitsatmosphäre sei "sehr negativ" und entmutige die Mitarbeiter. Grund seien unter anderem Spannungen und "handfeste Konflikte" in der Leitungsebene. Die Chefs der einzelnen Abteilungen und die Direktion verhielten sich "wie Hähne auf ihren Misthaufen", so ein Fanc-Mitarbeiter. "Sie herrschen über ihre kleinen Königreiche und unternehmen nichts, um die Gemeinsamkeit zu stärken. Es gibt Machtkämpfe zwischen den Chefs, jeder will Informationen für sich behalten, um seine Macht zu bewahren."

Der Chef der Behörde gilt als nett, aber zu kompromissbereit gegenüber der Stromwirtschaft

Auch bei der Kommunikation läuft offenbar manches schief. Die Presseabteilung fühlt sich als bloßes "Werkzeug", allzu oft ohne Informationen, von oben im Stich gelassen bei der Pflicht, Entscheidungen gegenüber Journalisten zu verteidigen. Manchmal wisse er, dass das nicht ganz stimme, was er da erzähle, wird ein Mitarbeiter zitiert, er fühle sich dann "schrecklich schlecht".

Direktor Bens wird einerseits als "human, warmherzig, zugänglich und sehr kenntnisreich" beschrieben. Kritisiert wird hingegen, er sei zu konziliant und führungsschwach, ihm fehle die Autorität, um mal auf den Tisch zu hauen. Viele Mitarbeiter stellten zudem fest, dass "die Unabhängigkeit der Behörde gegenüber der Politik und der Wirtschaft schrittweise gesunken ist". Die Direktion stehe offenbar unter Druck, "gewisse Kompromisse" einzugehen, gerade im nuklearen Bereich. Vor dem Amtsantritt bei der Fanc hatte Jan Bens viele Jahre bei Electrabel gearbeitet, dem Betreiber jener belgischen Atomkraftwerke, deren Sicherheit nun infrage gestellt wird, nicht nur in Deutschland.

Am Wochenende schloss sich Luxemburg dem von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks durchaus undiplomatisch geäußerten Wunsch an, Belgien möge die erst kürzlich wieder angefahrenen Meiler Doel 3 und Tihange 2 so lange abschalten, bis geklärt sei, ob Tausende Haarrisse in den Druckbehältern im Ernstfall eine Sicherheitsgefahr darstellten. Belgien hatte die Bitte vergangene Woche brüsk zurückgewiesen. Weitere Untersuchungen seien nicht nötig. Der Bericht allerdings bringt die belgische Regierung in Erklärungsnot. Denn seit Beginn der Kontroverse mit den Deutschen versteckt sich Innenminister Jan Jambon hinter der Expertise seiner Atomaufsichtsbehörde - und deren mutmaßlicher Unabhängigkeit.

Die Fanc selbst reagierte am Montag bezeichnend. Sie sei "erstaunt" über die Veröffentlichung, das sei "inakzeptabel" und schade der Behörde und ihren Mitarbeitern. Zum Inhalt werde man sich äußern, wenn er vorliege.