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Belgien:Über Schlagbäume hinweg

Illustration picture shows a police control at the border between Belgium and Germany in Kelmis - La Calamine, Tuesday 2

Seitdem Belgien die Grenzen nach Deutschland geschlossen hat, hier in Kelmis, hat sich die Wahrnehmung vieler Menschen verändert.

(Foto: Eric Lalmand/imago)

An der deutsch-belgischen Grenze verbreiten sich seit der Schließung Vorurteile, die längst vergessen zu sein schienen.

In Eupen gab es einmal eine Frittenbude, die war weit über die Stadt hinaus bekannt für ihre guten belgischen Pommes. Hinter dem Tresen hing ein Schild, auf dem stand: "Wir fürchten Regen, Sturm und Wind - und Deutsche, die in Belgien sind." Und der Hinweis: "Wir nehmen keine Deutsche Mark". Etwa 20 Jahre ist das nun her. Aachener, die nur wegen der Fritten über die Grenze fuhren, versuchten möglichst wenig deutsch zu wirken. Als doch mal einer mit einem 20-Mark-Schein zahlen wollte, so die Anekdote, warf der Besitzer die Fritten in den Müll. Die Geschichte wirkt wie eine alte Schrulligkeit von Grenzbewohnern. Aber sie zeigt, wie ernst es plötzlich werden konnte zwischen Deutschen und Belgiern.

Die Grenzschließungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie haben Vergessenes wieder zutage gebracht. Die Schlagbäume gehen runter, die Ressentiments steigen. Wie dünnhäutig Europa in Krisenzeiten ist, zeigte sich im deutsch-belgischen Grenzgebiet sofort. Als Belgien am 20. März die Grenzen schloss, veränderte sich plötzlich die Selbstwahrnehmung vieler Menschen auf der belgischen Seite. Sie wurden abgegrenzt von einer anderen Gruppe. Die einen haben einen "triftigen Grund", die Grenze zu überschreiten, die anderen müssen bleiben. Die erste Gruppe besteht mehrheitlich aus Deutschen, die in Ostbelgien wohnen und im Raum Aachen arbeiten. Und weil nun Passierschein und Pass in einen Topf geworfen werden, führt dies bei manchem zu verletztem Gerechtigkeitsgefühl und nationaler Abneigung.

Leser ostbelgischer Medien empörten sich über deutsche Autokennzeichen in der Eupener Innenstadt, fragten, wann die Deutschen es denn "endlich raffen" würden. Es sei an der Zeit, dass sie hier nicht mehr "die Regale leer kaufen" dürften. Ein anderer konterte: Durch Sief, einen grenznahen Ortsteil von Aachen, führen auch ständig belgische Autos, was denn das zu bedeuten habe. Als auf einem Supermarktparkplatz auf belgischer Seite die Menschen in der Warteschlange vor der Eingangstür Platz für einen Wagen mit Aachener Kennzeichen machen mussten, sagte eine Wartende laut: "Der hat hier sowieso nichts mehr verloren."

Jorma Klauss, Bürgermeister der deutschen Grenzgemeinde Roetgen, sagt: "Da wurde plötzlich ein Nerv getroffen, von dem ich gar nicht mehr dachte, dass er überhaupt existiert." Klauss, selber auf der belgischen Seite aufgewachsen, bemerkte, wie plötzlich das Einkaufen zum Reizthema wurde: Es habe wieder "den Belgier" gegeben und "den Deutschen".

Am Grenzgebiet zwischen Aachen und Lüttich war in der Geschichte oft herumgezerrt worden. Nach dem Wiener Kongress etwa, als die Kreise Eupen und Malmedy Teil der preußischen Rheinprovinz wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet Belgien zugeschlagen. 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht Belgien, gliederte das heutige Grenzgebiet wieder ins Deutsche Reich ein und zog dort Tausende Männer als Volksdeutsche in die Wehrmacht ein. Schließlich übergaben die Alliierten das Gebiet 1945 nach der Niederlage Deutschlands wieder an Belgien.

"Mir macht diese Situation klar, wie national wir noch leben", sagt ein belgischer Historiker

Es war eine schwierige Suche nach einer eigenen Identität. Die Extreme lassen sich mit den Begriffen "Deutschenhasser" und "sales boches" abstecken. "Deutschenhasser", das waren deutschsprachige Belgier, die unter dem Eindruck von Feindschaften, Besatzungen und Fremdbestimmung ihre Identität durch Abgrenzung gegenüber allem Deutschen ausdrücken wollten. Auch weil sie ihrerseits von französischsprachigen Landsleuten in der Wallonie als "sales boches", Drecksdeutsche, bezeichnet wurden. Ostbelgier bemühten sich also, beides nicht zu sein: Deutsche oder Wallonen. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Auswüchse der Abgrenzung weitgehend verschwunden. Der belgische Historiker Carlo Lejeune sagt aber auch, die Spannungen seien nie ganz weg gewesen.

Das Klischee: Deutsche wohnen in Ostbelgien, um Steuern zu sparen, sie fahren dicke Autos mit deutschem Kennzeichen, wollen sich nicht integrieren, weil sie sich für etwas Besseres halten. Reflexartig werfen diese wiederum auch einiges durcheinander: Eine Deutsche mit Wohnsitz hinter der Grenze etwa sagt, sie fühle sich behandelt wie eine Gefangene und werde nach der Krise sofort aus Belgien wegziehen.

Dabei ist die Grenze im Alltag normalerweise schlicht nicht vorhanden. Nun aber werde sie wieder wie vor 40 Jahren erlebt, als der Verkehr noch nicht freizügig floss, sagt Roetgens Bürgermeister Klauss. "Da ist ein deutliches Störgefühl. Jetzt merkt man erst, wie sehr die offenen Grenzen zu unserem Selbstverständnis gehören."

Der Unmut über unzulängliche Grenzregelungen des Alltags vermischt sich mit Unterdrückungsgefühlen und dem Vorwurf der Inkompetenz im belgischen Corona-Krisenmanagement. Ein Belgier wiederum sagt: "Die preußischen Belehrungen verbitten wir uns." Preußen also, zurück ins Jahr 1920. Auf einmal spielt das Nationale offenbar doch wieder eine Rolle.

"Grenzen werden nun erschreckend deutlich, obwohl sie im Leben der Menschen nicht wichtig sind", sagt der Historiker Lejeune. Er glaubt zwar, dass die aufflackernden alten Ressentiments mit der Rückkehr zur Normalität wieder abnehmen. Aber: "Mir macht diese Situation bewusst, wie national wir tatsächlich noch trotz aller europäischen Rhetorik leben."

In der Bevölkerung stoßen die Nationalismen bereits auf Gegenwehr. Innerhalb von drei Wochen unterzeichneten knapp 7000 Menschen eine Online-Petition gegen die Grenzschließung. Eine Unterstützerin sagte bei einer Demo an der Grenze: "Die Ressentiments, die wir in Jahrzehnten abgebaut haben, dürfen nicht mehr aufgebaut werden."

© SZ vom 29.05.2020

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