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Belgien:Jagd auf den rechtsextremen Rambo

Manhunt for a Belgian soldier who threatened a virologist, in Maasmechelen

Mit schwerem Gerät in den Nationalpark: Belgische Soldaten sollen helfen, den gefährlichen Rechtsextremisten aufzuspüren.

(Foto: JOHANNA GERON/REUTERS)

Ein Berufssoldat ist auf der Flucht in einem Nationalpark an der niederländischen Grenze. Er hat angekündigt, Virologen und Politiker anzugreifen, und ist schwer bewaffnet.

Von Thomas Kirchner

Die Suche nach Jürgen Conings erinnert in ihrem martialischen Aufwand an den "Blues Brothers"-Film, in dem Hunderte Streifenwagen Jake und Elwood auf den Fersen sind. So geschieht es gerade in Belgien, nur lustig ist daran nichts: Der Gejagte ist Berufssoldat mit Auslandserfahrung, schwer bewaffnet und gefährlich. Und er ist Rechtsextremist, einer, der auf vielen Kanälen unverhohlen gegen Ausländer hetzt, gegen Wissenschaftler und Politiker, gegen den Staat. Marc Van Ranst, dem obersten belgischen Virologen, der für strenge Corona-Maßnahmen steht wie in Deutschland Christian Drosten, trachtet er nach dem Leben.

Das geht unter anderem aus zwei Abschiedsbriefen hervor, die Conings hinterlassen hat. Darin schrieb er, er könne "nicht mehr in einer Gesell­schaft leben, in der die Poli­ti­ker und die Viro­lo­gen uns alles genom­men haben". Er werde in den Widerstand gehen und sich nicht kampflos ergeben.

Am Montagabend war der glatzköpfige, mehrfach tätowierte Mann nicht zu seiner Familie in Dilsen-Stokkem zurückgekehrt. Er wird im Nationalpark Hoge Kempen in der Provinz Limburg im Nordosten des Landes vermutet, direkt an der niederländischen Grenze. Das etwa 12 000 Hektar große Wandergebiet - viel Wald, sandige Heide, Wasserflächen - ist umstellt von 250 Polizisten, 150 Soldaten. Spezialeinheiten haben es durchkämmt, Kollegen aus Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden helfen mit, Helikopter fliegen über dem Gelände, Panzerwagen sind aufgefahren.

Jürgen Conings galt als Gefährder. Wie konnte er Zugang zu schweren Waffen erhalten?

Gefunden hat man nur ein Militärzelt, das Conings wohl benutzte. Schüsse waren zu hören, aber am Freitagnachmittag war er noch flüchtig. In sozialen Medien wurde spekuliert, der Gesuchte sei nicht in dem Gebiet und habe nur falsche Spuren gelegt. Schon am Dienstagabend war das Auto des Mannes nahe dem Park entdeckt worden, samt vier Panzerfäusten des Typs M72 LAW und Munition. In seinem Besitz sollen noch eine FN-Handfeuerwaffe sein sowie eine P-90-Maschinenpistole, die kugelsichere Westen durchschlagen kann. Dazu 2000 Schuss Munition.

Die Frage, die Belgier nun umtreibt, stellte Premier Alexander De Croo selbst: "Wie ist das möglich?" Schließlich sei Conings als Extremist auf dem Radar der Sicherheitsdienste gewesen und habe schon früher Drohungen ausgesprochen. Wie könne es sein, dass er Zugang zu diesen Waffen hatte und sie sogar mitnehmen konnte? Das belgische Antiterrorzentrum führte ihn als Gefährder der Kategorie "ernst", er stand auf einer Liste mit 48 weiteren Rechtsextremisten. Medienberichten zufolge beobachtete ihn der Militärgeheimdienst SGRS seit 2019. 2020 wurde er für seine Haltung mit vier Tagen Arrest bestraft und einer Versetzung von der Militärpolizei auf einen Posten in der Logistik - der ihm Zugang zu den Depots bescherte. Im vergangenen Jahr hatte das Verteidigungsministerium wegen rassistischer Äußerungen auf Facebook sogar eine Klage gegen Conings eingereicht, welche die Justiz aber fallenließ.

In der Armee diente der Mann seit 1992. In einer eigenen "Biografie" nennt er seine Auslandseinsätze: Ex-Jugoslawien, Bosnien, Kosovo, Libanon, zweimal Irak, dreimal Afghanistan. Mehr geht kaum. Auch als Scharfschütze soll er gearbeitet haben. Möglicherweise haben ihm die Einsätze so viel Achtung im Militär eingetragen, dass hinweggesehen wurde über die zunehmende Radikalisierung des begeisterten Bodybuilders. Von 2012 an ist sie unter anderem auf seinem Twitter-Account nachzulesen. Neben Berichte über körperliche Ertüchtigung und Erfolgen bei Videospielen treten immer öfter Verweise auf angebliche Vergewaltigungen und andere Verbrechen durch Migranten. Nach den Bombenanschlägen in Brüssel im März 2016 twittert Conings: "Seit Jahren habe ich das kommen sehen. All die Jahre haben sie mich ausgelacht und gesagt, ich übertreibe, ich sei ein Rassist ..."

Wie Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder im Parlament einräumen musste, hatte der Druck auf Conings in jüngster Zeit wieder nachgelassen. Vorgesetzte hätten sein Verhalten nicht länger als problematisch eingeschätzt. Das sei ein "Fehler" gewesen, sagte Dedonder, man hätte ihn strenger beaufsichtigen müssen. Man habe aber umgehend "starke" Maßnahmen eingeleitet, um eine Wiederholung zu verhindern; gedacht werde an Zugangsbeschränkungen sowie Entlassungen. 2008 waren in der Kaserne Leopoldsburg fünf Soldaten verhaftet worden, die der rechtsextremistischen Bewegung "Blut, Boden, Ehre, Treue" angehörten. Etwa 30 belgische Soldaten werden derzeit wegen rechtextremistischer Einstellungen beobachtet.

© SZ/bac
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