Belgien Warum es einen Streit um "Ostbelgien" gibt

Karneval in Eupen: Die Deutschsprachige Gemeinschaft hat 77 000 Einwohner und sogar einen Ministerpräsidenten. Und jetzt auch eine andere Bezeichnung: Ostbelgien, wenn auch nur inoffiziell.

(Foto: Eric Lalmand/AFP)
  • Die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien hat Angst, in Vergessenheit zu geraten und sich deswegen einen neuen Namen gegeben.
  • Die 77 000 Einwohner nennen sich nun selbst "Ostbelgien", wenn auch nur inoffiziell. Das aber kommt nicht überall gut an.
Von Pia Ratzesberger, Eupen

Sie weiß nicht, was der neue Name ändern soll. Tanja Freisen verschränkt die Arme, vor sich Hunderte Pralinen, belgische natürlich, aber mit Belgien ist das so eine Sache. Ihre Heimat soll nun anders heißen, die Deutschsprachige Gemeinschaft hat sich umbenannt. Sie nennt sich jetzt Ostbelgien. Das sei typisch für dieses Land, jeder mache sein eigenes Ding, sagt Freisen. Sie hebt die Augenbrauen, blickt nach draußen, durch das Schaufenster des Pralinenladens. Dort, gegenüber, hat der Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft seinen Sitz. Er hat Angst, dass keiner mehr kommt nach Eupen, nach Büllingen und nach St. Vith.

Der Regierungschef glaubt, dass zu wenige Menschen seine Gemeinschaft kennen, dass kaum jemand versteht, wer diese Gemeinschaft überhaupt ist. Deshalb gibt es nun den neuen Namen, deshalb das neue Schild in der Gospertstraße in Eupen: Ostbelgien. In einem Land wie diesem mit drei so unterschiedlichen Gemeinschaften und drei so unterschiedlichen Regionen befürchtet immer einer, übersehen zu werden.

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Die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien zählt ungefähr 77 000 Einwohner, trotzdem hat sie einen eigenen Ministerpräsidenten. Auf manchen Autos in Eupen pappt noch ein Aufkleber: DG für Deutschsprachige Gemeinschaft, aber für die Abkürzung gab es auch fantasievolle Erklärungen, "Dolce und Gabbana" war eine von ihnen, "Dumm Gelaufen" eine andere. Unter dem Namen Deutschsprachige Gemeinschaft stellten sich die meisten eine kleine Gruppe Deutscher im Ausland vor, wie Italiener in New York, Griechen in London. Aber kein Bundesland, das war das Problem. Auf dem Marktplatz in Eupen ist immer wieder zu hören: Die Gemeinschaft beachte keiner, nicht einmal im Rest des Landes.

Der neue Name sei ein klares Bekenntnis zu Belgien, sagt der regionale Regierungschef

Belgien, das sind drei Regionen und drei Sprachgemeinschaften, in der Verfassung gleichgestellt, letztlich also wie sechs Bundesländer. Es sind die Regionen Flandern im Norden, die Wallonie im Süden und im Zentrum die Hauptstadt Brüssel. Und es sind die Flämische Gemeinschaft im Norden, die Französische Gemeinschaft im Süden und die Deutschsprachige Gemeinschaft im Osten. Die Aufgaben unterscheiden sich, die Regionen sind zum Beispiel für die Wirtschaft zuständig, die Gemeinschaften für die Kultur. Immerhin sind die Region Flandern und die Flämische Gemeinschaft miteinander verschmolzen, so dass es nur fünf Parlamente gibt, manchmal aber haben diese enorme Macht.

Im vergangenen Jahr wäre fast das Handelsabkommen Ceta zwischen Kanada und der Europäischen Union gescheitert, weil die Wallonen nicht zustimmen wollten. Die landesweite Regierung Belgiens hat wegen der komplizierten Verhältnisse vor ein paar Jahren sogar den Weltrekord gebrochen. 541 Tage ohne neue Regierung, weil die Wallonen und die Flamen sich mal wieder nicht einig waren.

Tanja Freisen erinnert sich noch an diese Monate, in ihrem Leben damals habe sich aber nichts verändert, trotz Weltrekordes. Sie ist 35 Jahre alt, sie mag den süßen Geruch im Laden, den Plausch mit älteren Damen. Manon ist die beliebteste Sorte, Kaffee, Nougat, Buttercreme. Eine Werbeagentur würde jemanden wie Tanja Freisen für die DG wahrscheinlich am liebsten auf Plakate drucken, die Pralinen gleich mit. Sie lebt gern in Eupen, überhaupt, in Belgien. Auch wenn viele nicht verstehen, wo sie da lebt, weil sie nichts von der Deutschsprachigen Gemeinschaft wissen und erst recht nichts von deren Regierung.