Belgien:Peinliche Nachricht aus Ankara

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Es war eine peinliche Nachricht aus Ankara, die all diese Versäumnisse der belgischen Behörden bekannt machte. Am vergangenen Mittwoch, kurz vor 18 Uhr, teilte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit, sein Land habe einen der Attentäter ausgewiesen und Belgien vergeblich gewarnt. In Brüssel herrschte erst einmal Schweigen. Premierminister Charles Michel bat Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens um Aufklärung. Die beiden waren genauso überrascht wie der Premier. Sie hatten keine Ahnung. Und Belgien hatte zur Terror- auch noch eine Regierungskrise.

Gegen 22 Uhr rief Jambon Premier Michel an: "Charles, ich muss dich sehen." Der Innenminister fuhr zum Lambermont, der Residenz des Premierministers in der Nähe des Königspalasts. Erst erklärte Jambon die Lage und dass man sich Fragen stellen könne über die Arbeit der Justiz und der Polizei. Die Dinge seien nicht optimal gelaufen. Dann sagte er: "Ich übernehme die politische Verantwortung, obwohl ich keinen Fehler begangen habe." Michel bat um Bedenkzeit, er wolle erst Justizminister Koen Geens sehen. Auch dieser stellte sein Amt zur Verfügung.

Es war Mitternacht, als sich alle drei im Lambermont trafen. Michel hatte sich entschieden: Er wollte die Sache beruhigen und bat beide Minister, im Amt zu bleiben. Während der Nacht sprach der Premier mit seinen anderen drei Stellvertretern (Jambon ist auch einer von ihnen) und fragte, ob sie einverstanden sind. Sie waren es, alle bekannten sich zur Koalition. Eine neue Regierung zu bilden ist kompliziert in Belgien, das wollte niemand riskieren.

Innenminister Jambon sagte am Donnerstag nach der Kabinettssitzung: "Es ist Krieg. Da verlässt man nicht das Gebiet. Ich bleibe." Auch Justizminister Geens blieb im Amt. Nun soll eine Kommission des Parlaments das Versagen der Regierung, der Justiz und der Polizei untersuchen. So wie vor 20 Jahren, als der Kindermörder Marc Dutroux durch alle Maschen der Justiz geschlüpft war und man über Mitwisser ganz weit oben spekulierte.

Jetzt soll ein Ausschuss aufklären, was schiefgelaufen ist. Es gibt viel zu tun

Es gibt viel zu erklären. Etwa jene Geschichte des Polizisten aus Mechelen. Der erfuhr offenbar schon im Dezember, als Salah Abdeslam wegen der Pariser Attentate gesucht wurde, den Namen und den Wohnort von Abid Aberkan, bei dessen Mutter sich Abdeslam später im Keller versteckte. Adresse: Rue des Quatre Vents 79, Molenbeek. Leider gaben seine Vorgesetzten die Nachricht nicht nach Brüssel weiter.

Oder die möglicherweise verunglückte Vernehmung von Salah Abdeslam. Er wurde am Tag nach seiner Festnahme zwar mehrmals zu seiner Rolle bei den Pariser Anschlägen befragt. Wohl aber nicht zu neuen Attentatsplänen, vor denen Belgiens Außenminister am selben Tag ausdrücklich warnte. Seltsam ist auch, dass Abdeslams Aussageprotokoll umgehend an die Medien gelangte. Er stellt sich darin als kleines Rädchen dar, der Böse soll offenbar sein Bruder sein, der sich in Paris in die Luft gejagt hatte. Die Aussagen sind gespickt mit Unwahrheiten. Belgische Medien mutmaßen unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass Abdeslam und andere ursprünglich in Brüssel auf dieselbe Weise zuschlagen wollten wie in Paris - mit Schießereien auf öffentlichen Plätzen.

Mittlerweile will er nichts mehr sagen.

Ebenfalls im Visier waren offenbar Atomkraftwerke. Die Brüder Bakraoui beobachteten die Wohnung eines Leiters der belgischen Atombehörde mit einer Videokamera. Laut Experten hätte das Material der Terroristen aber nicht gereicht, einen Meiler ernsthaft zu beschädigen.

Während der Terroralarm in Brüssel von Stufe vier auf drei gesenkt wurde, versuchen die Ermittler das Terrornetzwerk hinter den Pariser und Brüsseler Anschlägen mit immer neuen Aktionen zu zerstören. Am Donnerstagabend nahm die Polizei sechs Männer fest, am Freitag drei weitere. In Schaerbeek waren bei Hausdurchsuchungen zwei Explosionen zu hören, ein Mann mit Sprengstoff wurde angeschossen und gefasst. Die Identität des zweiten Flughafen-Attentäters hat die Staatsanwaltschaft inzwischen bestätigt, es handelt es sich um Najim Laachraoui. Der dritte Mann ist flüchtig. Die Polizei sucht nach einem weiteren Verdächtigen, dem Syrer Naim al-Hamed.

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