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Belgien:Botschaft mit Krallen

Nach ihrem Auftritt wurde die 18-jährige belgische Klimaaktivistin Anuna De Wever bedroht.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)

Der Angriff auf eine 18-jährige Klimaaktivistin löst eine Debatte über die Unabhängigkeitsbestrebungen des flämischsprachigen Nordens des Landes aus.

Anuna De Wever ist öffentliche Auftritte gewohnt: Die 18-Jährige ist das belgische Gesicht der Fridays-for-Future-Bewegung. Auch dass sie von einem Teil des Publikums ausgebuht wird, wie bei ihrem Auftritt auf einem Musikfestival im ostbelgischen Hasselt, dürfte De Wever inzwischen gewohnt sein. Nach ihrem Auftritt aber wurden De Wever und ihre Freunde von ein paar Kritikern bedroht, ihr Zelt zerstört. Augenzeugen zufolge hatten die Angreifer Flaggen mit dem Löwen der belgischen Region Flandern bei sich. Und so kam es, dass De Wever, deren politisches Wirken sich sonst auf den Kampf gegen den Klimawandel beschränkt, eine Debatte über die Unabhängigkeitsbestrebungen des flämischsprachigen Nordens des Landes auslöste.

Kern des Streits ist ein "vexillologisches" Detail, wie die Lehre vom Fahnenwesen heißt: Der Löwe auf der offiziellen Flagge von Flandern hat rote Krallen; der auf den Flaggen der Angreifer hatte dagegen schwarze. Ein Löwe mit schwarzen Krallen aber gelte als Symbol der Kollaboration mit dem Dritten Reich, so die Veranstalter - und verbannten am Freitag mit dieser Begründung Fahnen mit dem schwarzbekrallten Löwen vom Festivalgelände.

Die Flagge symbolisiere lediglich die Unabhängigkeit von Flandern, sagte Peter De Roover

Das wiederum löste in Flandern heftigen Protest aus: die Flagge symbolisiere lediglich die Unabhängigkeit von Flandern, schrieb etwa Peter De Roover, Fraktionschef der flämischen Separatistenpartei N-VA, in einem offenen Brief an die Veranstalter. Auch gemäßigte Politiker aus dem flämischsprachigen Norden schrieben, sie fühlten sich durch das Verbot beleidigt. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk meldete sich ein Historiker zu Wort: Es sei zwar richtig, dass die radikalsten Separatisten in Flandern damals das Nazi-Regime unterstützt hätten, deswegen sei aber längst nicht jeder Separatist ein Anhänger des NS-Regimes gewesen. Wenn alle Fahnen mit schwarzkralligen Löwen verboten würden, sei das so, als würden alle Autos beschlagnahmt, nur weil ein einziger Autofahrer nach einem Unfall Fahrerflucht begangen habe, schrieb De Roover in seinem offenen Brief. Am Samstag musste auch die Festivalleitung einlenken. Sie entschuldigten sich für die "Missverständnisse", die es wegen der Flaggen gegeben habe.

Ein Erfolg dürfte der Vorfall hingegen für die rechtsradikale Partei Vlaams Belang gewesen sein, die bei der Regionalwahl in Flandern mit 18,5 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft wurde: Nachdem die Festivalleitung das Verbot aufgehoben hatten, verteilte die Jugendorganisation der Partei auf dem Gelände 500 Flaggen mit dem schwarzbekrallten Löwen.

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