Präsidentschaftswahl:Erwachen in Belarus

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Wahl in Belarus

Die Frau gegen Lukaschenko: Swetlana Tichanowskaja bei einer Kundgebung in der belarussischen Stadt Brest.

(Foto: Sergei Grits/AP)

Die junge Generation kennt nur den Autokraten Alexander Lukaschenko als Staatschef. Nach 26 Jahren an der Macht fordert ihn bei der heutigen Wahl eine junge Frau heraus, die tatsächlich Massen mobilisiert.

Von Frank Nienhuysen

Oksana Lasarewa ist zum Chat bereit, und ihr erster Satz, den sie schreibt aus Belarus, hätte von Wikipedia stammen können. Aber nur der erste: "Lukaschenko kam 1994 an die Macht." Für die Belarussin ist das weit zurückliegende Geschichte. Es ist eine Zeit, in der sie noch nicht geboren war. Alexander Lukaschenko aber formte damals schon seinen Staat; 1995 berichtete die Nachrichtenagentur dpa, dass acht regierungskritische Zeitungen eingestellt wurden; 1996 ließ der Präsident Demonstrationen während der Erntezeit verbieten, er baute seine Vollmachten aus und schuf sich ein neues Parlament. 1997 kam Oksana Lasarewa auf die Welt. Sie ist jetzt erwachsen, 22 Jahre alt, hat eine Tochter, verdient ihr Geld mit Maniküre, und am Sonntag stellt sich Präsident Lukaschenko wieder zur Wahl. Es wäre seine sechste Amtszeit.

Lasarewa schreibt: "Es ist schrecklich, wenn ein Mensch 26 Jahre an der Macht ist." Sie will Veränderungen, einen anderen Präsidenten, den ersten, der nicht Lukaschenko ist, am liebsten: eine Präsidentin.

Lasarewa kommt aus der Kleinstadt Stolin, nicht weit von der ukrainischen Grenze entfernt. Sie ist eine von knapp zehn Millionen Belarussen, und sie hat im Wahlkampf Lukaschenkos Herausforderin Swetlana Tichanowskaja unterstützt. Sie sammelte Unterschriften für ihre Kandidatur, half bei Kundgebungen, schrieb "Freiheit" auf Dutzende selbstgefaltete Papierschiffchen und setzte sie behutsam in einen See.

Vor drei Wochen postete Lasarewa, dass jemand von der Miliz gekommen sei und sich beim Direktor ihrer ehemaligen Schule nach ihr erkundigt habe, ob sie irgendwelche Probleme gehabt habe, wo sie arbeite, wohne. Sie hat die Kandidatin trotzdem weiter unterstützt. "Tichanowskaja hat mich begeistert", schreibt Lasarewa. "Was sie gerade macht, hat vermutlich noch niemand getan. Die Menschen haben angefangen, sich zusammenzuschließen. Belarus ist aufgewacht. Schon das ist ein Sieg."

Umfragewerte für Politiker sind in Belarus nicht erlaubt, niemand kann sagen, wie viel Unterstützung der autoritäre Lukaschenko noch hat. Die Auszählung der Stimmen wird nicht unabhängig kontrolliert. Nicht einmal die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ist als Wahlbeobachterin dabei. Sicher ist, dass zu den Kundgebungen der 37 Jahre alten Tichanowskaja Zehntausende Menschen gekommen sind.

Die Kandidatin fordert am Sonntag Präsident Lukaschenko heraus, wie dies lange niemand getan hat. Sie macht dies mit einem überschaubaren Programm. Tichanowskaja will nicht viel mehr, als bei einem Sieg eine neue, ehrliche Wahl anzusetzen, an denen dann auch Kandidaten teilnehmen könnten, die inhaftiert oder nicht zugelassen wurden. Ihr Mann, der Blogger Sergej Tichanowskij, gehört dazu. Ihm werfen die Behörden vor, eine "schwerwiegende Verletzung der öffentlichen Ordnung" organisiert zu haben.

Tichanowskaja will auch in einem Referendum über die Rückkehr zu einer Verfassung abstimmen lassen, die einst nur zwei Amtszeiten für einen Präsidenten erlaubte. Wie beliebt sie geworden ist mit ihren wenigen Botschaften, und wie sehr sie Lukaschenko zusetzt, lässt sich an dessen Reaktionen ablesen.

Der Präsident kündigte an, das Einkommen innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln, er verspricht besseren Zugang zur Bildung, Investitionen, was aber vor allem auffällt nach den mehr als tausend Festnahmen seit Mai: dass er das Volk weiter einschüchterte. Bei seiner Rede an die Nation am Dienstag warnte er vor "Chaos und Anarchie", er sagte, dass seine Gegner von "ausländischen Agenten gut bezahlt" würden. Er werde es nicht zulassen, dass das Land zurückkehre zu den "wilden" Neunzigerjahren.

Auch Oksana Lasarewa will so etwas nicht: wilde Jahre. Was sie ebenfalls nicht will, ist, dass alles so bleibt wie bisher. "Alle meine Bekannten sind müde von dieser sogenannten Stabilität", schreibt sie. Lasarewa erzählt im Chat, dass in ihrer Heimatstadt ein einfacher Arbeiter mit etwas mehr als 120 Euro auskommen müsse, viele Menschen keine Arbeit hätten und dass die Jugend das Land verlasse. "Die Männer gehen zur Arbeit ins Ausland, damit sie ihre Familien ernähren können", schreibt sie. "Ich selber habe immer öfter über eine Auswanderung nachgedacht. Aber ich habe eine Tochter, so leicht ist das nicht."

Lasarewa hält sich für eine Patriotin, sie liebe Belarus, ihre Kultur, die Sprache, die Menschen. Aber wenn sie krank ist, geht sie lieber in eine private Klinik als in ein staatliches Krankenhaus, auch wenn das etwas kostet. "Ich fürchte mich davor, mich kostenlos behandeln zu lassen", schreibt sie: "Die Menschen leben zunehmend in Armut, in Angst." Die Weltbank rechnete bereits im Mai einen Rückgang der Wirtschaft um vier Prozent für 2020 voraus, den deutlichsten seit 25 Jahren. Eine Zukunftsperspektive hat Lasarewa bisher nicht für sich gesehen. Erst jetzt sieht sie eine, bei der Wahl am Sonntag.

Die junge Generation informiert sich im Internet - und erfährt von den Machtwechseln weltweit

Als in den vergangenen Wochen zuerst Tichanowskajas Mann inhaftiert wurde, dann der Banker Viktor Babariko - dessen Wahlkampfmanagerin und führende Oppositionsvertreterin Maria Kolesnikowa am Tag vor der Wahl offenbar ebenfalls kurz festgenommen wurde - , sah es so aus, als könne bei der Wahl niemand mehr dem Amtsinhaber den Sieg nehmen. Nun aber scheint das nicht mehr ganz so sicher zu sein. Swetlana Tichanowskaja gibt zu, dass sie Angst hat, aber sie will sich nicht einschüchtern lassen von Drohungen. Außer von denen, die sie dazu bewegt haben, ihre Kinder ins Ausland zu bringen.

Vor allem bei der jüngeren Bevölkerung kommt sie an. Swetlana Alexijewitsch, die Literatur-Nobelpreisträgerin aus Belarus, sagte neulich in einem Interview: "Eine neue Generation ist herangewachsen, mit einem anderen Bewusstsein. Das sind nicht dieselben Menschen wie vor 26 Jahren, als Lukaschenko zu regieren begann."

Die Studentin Anna Kowalewa aus Minsk macht drei Generationen aus, die sehr unterschiedlich auf das Land schauen. Sie sagt: "In der Generation meiner Großeltern gibt es viele, die Lukaschenko unterstützen. Sie sagen: Hauptsache, kein Krieg. Schaut euch doch mal die Ukraine an." Dann gibt es ihre Elterngeneration, von der Kowalewa sagt, dass sie den Präsidenten "eher nicht" unterstützen. "Aber die meisten von ihnen haben eine Arbeitsstelle, die vom Staat abhängt."

Sie riskieren einiges, wenn sie auf eine ungenehmigte Demonstration gehen. Und dann gibt es die junge Generation, die sich nicht mehr im belarussischen Fernsehen informiert, sondern im Internet, und dort sehen, wie in anderen Ländern auch mal Regierungen wechseln. "Die meisten Jungen", sagt Kowalewa, "haben ohnehin noch keinen Job." Also auch keinen, der vom Staat abhängt.

Kowalewa blickt mit etwas Distanz auf die Lage in ihrer Heimat, auch räumlich. Die Belarussin ist 21 und studiert seit vier Jahren in Deutschland, Wirtschaftsinformatik an der TU in München. Sie sitzt draußen in einem Café im Zentrum, vor sich einen Cappuccino, und spricht von der Alltagskorruption, von Kindern, die in der Schule rumerzählen, was Eltern Lehrern für Noten bezahlen. "Kinder finden das normal", sagt sie, "ich finde es falsch, was passiert. Ich finde es schlimm, dass es unabhängige Theater gibt, die erst drei Stunden vor dem Auftritt sagen können, wo er genau stattfindet."

Viele seien unzufrieden, Kowalewa nennt es: "passiv unzufrieden, sie reden darüber in der Küche". Dass es nun doch mehr sind als früher, die auf die Straße gehen, Tichanowskaja unterstützen, hält sie für wichtig, sie selber hat in München protestiert, erstmals, als der Kandidat Babariko festgenommen wurde. Aber sie traut der wachsenden Zahl der Menschen noch nicht, die zuletzt ihre Angst abgelegt haben und für ehrliche Wahlen demonstrierten. "Es sind jetzt viel mehr als sonst", sagt sie. "Aber", das dürfe man nicht vergessen, "Minsk hat zwei Millionen Einwohner."

Auch Kowalewa hofft auf Veränderungen, darauf, dass mehr junge Menschen sich trauen, ein Unternehmen zu führen. Sie ist skeptisch. "Das wäre das Schlimmste: dass nichts passiert, wie meistens. Dass die Menschen irgendwann vergessen haben, dass es eine Wahl gab."

Warum Weißrussland nun Belarus heißt

Am 9. August findet die Präsidentschaftswahl in einem Land statt, das auch die Süddeutsche Zeitung bisher als Weißrussland bezeichnet hat. Offiziell nennt sich der Staat, der nach dem Ende der Sowjetunion 1991 unabhängig geworden ist, Republik Belarus. "Bela" bedeutet "weiß", und "rus" leitet sich von jenem früheren osteuropäischen Herrschaftsgebiet ab, das als Kiewer Rus bekannt war und das auch als Wiege Russlands sowie der Ukraine gilt. In der englischen Sprache wird das Land als Belarus bezeichnet, im deutschsprachigen Raum aber hat sich lange der Begriff Weißrussland gehalten.

Das Auswärtige Amt in Berlin, an deren Länderbezeichnungen sich auch die deutschen Medien orientieren, benutzt allerdings schon seit Jahren den Begriff Republik Belarus, oder kurz: Belarus. Dies gilt auch für zahlreiche Organisationen und Institutionen wie beispielsweise die Konrad-Adenauer-Stiftung, deutsche Universitäten, die Stiftung Wissenschaft und Politik, die deutsch-belarussische Gesellschaft oder das Goethe-Institut in Minsk. Seit geraumer Zeit verwenden immer mehr deutschsprachige Medien ebenfalls den Namen Belarus, darunter die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, Zeitungen wie die FAZ und Die Zeit sowie die meisten Nachrichtenagenturen, allen voran die Deutsche Presse-Agentur (dpa), AP sowie KNA, deren Dienste auch die SZ nutzt. Die SZ schließt sich nun dieser Entwicklung an und wird von nun an Belarus statt Weißrussland schreiben; Weißrussinnen und Weißrussen sind künftig Belarussinnen und Belarussen. SZ

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