Belarus:Die Leute protestieren friedlich - und nehmen sogar ihren Müll wieder mit

Während immer mehr Folterberichte aus den Gefängnissen öffentlich wurden, setzten die Protestierenden auf Friedensgesten. Frauen umarmten die Einsatzkräfte und steckten Blumen an deren Schilde. Nach einer Demonstration am Freitag auf dem Unabhängigkeitsplatz gingen die Leute friedlich nach Hause und nahmen sogar ihren Müll mit. Immer wieder hatten sich auch Menschenketten in den Städten gebildet, oft waren es Frauen, viele trugen Weiß.

Es ist die Farbe von Swetlana Tichanowskaja, die als einzige unabhängige Kandidatin bei den Wahlen vor einer Woche angetreten war. Die Demonstrierenden halten sie für die eigentliche Siegerin, sie ist inzwischen nach Litauen geflüchtet. Eine Menschenkette durchs ganze Land, von Litauen bis in die Ukraine, sagte Lukaschenko nun, werde er zu verhindern wissen. Der Widerstand gegen ihn ist jedoch großflächig.

Prominente Moderatoren aus den Staatsmedien kündigten ihre Jobs, die ersten Angestellten der Präsidentialverwaltung ebenfalls. Polizisten warfen ihre Uniformen weg und stellten Videos davon ins Internet. Die vierfache Biathlon-Olympiasiegerin Darja Domratschewa schrieb angesichts der Härte der Einsatzkräfte auf Instagram: "Lasst diesen ungerechten Horror auf den Straßen nicht weitergehen."

"Wir sind keine Schafe, wir sind keine Herde"

Seit Lukaschenko erklärt hatte, die Protestierenden seien Schafe, und nur Arbeitslose und Kriminelle gingen auf die Straße, traten immer mehr Staatsbetriebe in den Streik. Am Freitag marschierten die Arbeiter der Traktorenfabrik MTZ in Minsk zum Protest. "Wir sind keine Schafe, wir sind keine Herde, wir sind keine kleinen Leute", stand auf ihrem Banner. Beim Minsker Automobilwerk MAZ standen Arbeiter klatschend im Hof und riefen: "Wahlen! Wahlen!"

In Grodno an der polnischen Grenze hörten die Mitarbeiter eines Textilherstellers ihrem Chef zu. Da rief plötzlich einer: "Wer hat für Tichanowskaja gestimmt?" - fast alle standen auf. In vielen Betrieben gab es solche spontanen Abfragen, von denen Videos öffentlich wurden. Immer hatte die große Mehrheit für Tichanowskaja gestimmt. Sogar aus einem Linienbus, zeigt ein Video, hört man nun den Song "Peremen", "Wandel", der zum Soundtrack der Proteste geworden ist. Vor der Wahl waren zwei DJs noch zu zehn Tagen Haft verurteilt worden, weil sie ihn gespielt hatten.

Swetlana Tichanowskaja hatte am Freitag per Videobotschaft zum friedlichen Protest aufgerufen. Sie habe immer gesagt, dass sie die Wahl nur auf "legale, gewaltfreie Weise" verteidigen sollten. Aber die Behörden hätten die friedliche Demonstration "in ein blutiges Massaker" verwandelt. Nun appelliere sie an die Bürgermeister der Städte: "Geht raus und fangt an, zu reden und den Leuten zuzuhören."

Sie will einen Koordinierungsrat für die Machtübergabe gründen. Für diesen Rat können sich Vertreter der Gesellschaft bewerben, Leute mit Expertise und Kontakten, aus Parteien und Gewerkschaften. "Wir brauchen wirklich Ihre Hilfe und Erfahrung", sagte die Oppositionsführerin.

Aus dem Westen bekommen die Demonstranten weiterhin Solidaritätsbekundungen. Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb bei Twitter: "Die EU muss sich weiterhin für die Hunderttausenden Weißrussen, die friedlich für die Achtung ihrer Rechte, Freiheit und Souveränität protestieren, einsetzen."

In Deutschland bezeichnete Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz Lukaschenko als einen "schlimmen Diktator". Er sprach sich für einen Rückzug Lukaschenkos aus. "Ich glaube, dass wer auf diese Art und Weise mit seinem Volk umgeht, jede Legitimation für die Regierung des Landes verloren hat", sagte Scholz. Die Entscheidung darüber müsse aber Belarus selber treffen.

Lukaschenko habe keine Mehrheit mehr in seinem Volk. Und wenn es nur nach demokratischen Regeln gehe, "dann wird er nicht mehr lange im Amt sein", sagte Scholz. Allerdings gehe es bei dem Machthaber, der mit brutaler Gewalt regiere, nicht nach demokratischen Regeln. Man müsse jetzt dafür sorgen, dass die Kraft und der Mut der Protestierenden auch zu Veränderungen führen könne. Die EU müsse "entschlossen und klar" sein.

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