Süddeutsche Zeitung

Beim Gillamoos-Volksfest in Abensberg:Schütteltanz der Arbeiterbienen

Vier Bierzelte, vier Wahlkampf-Auftritte: Beckstein, Müntefering, Trittin und Westerwelle in Niederbayern.

Martin Zips

Abensberg - Das Motto für diesen Tag gibt das Haus Nr.30 vor, gleich gegenüber dem Abensberger Bahnhof. "Die Zeit vergeht, wenn man was tut", steht da an einer Wand. "Sie vergeht aber auch, wenn man nichts tut. Die Zeit ist gleich lang, aber nicht gleich nützlich." Ein Zitat, das dem dänischen Märchenerzähler Andersen zugeschrieben wird.

Was nützlich ist und was nicht - darüber gehen an diesem sonnigen Morgen in der "Bier,- Judo- und Spargelstadt Abensberg" (Tourismuswerbung) die Meinungen auseinander. Die einen schimpfen über den Trubel, über Falschparker und Lärmschläger, über scharenweise Polizisten und hauptberufliche Volksfestbesucher, die in und um die Altstadt ihre Zeit verbringen.

Andere wiederum karren tonnenweise Brezen, Bier und Braten an, schließlich ist gerade wieder politischer Frühschoppen auf dem Gillamoos, dem größten und ältesten Jahrmarkt der Hallertau. Da ist immer viel los. Und am Tag13 vor der Bundestagswahl ist gleich doppelt viel los. Beckstein, Müntefering, Trittin, Westerwelle - so viel Prominenz war selten.

Rundgang 1: Erste Eindrücke.

Das Zelt, in dem Guido Westerwelle um zehn erwartet wird, heißt "Weinzelt" und ist viel kleiner als alle anderen Zelte. Dafür ist es bereits um 9.15 Uhr gut besetzt. Bei der SPD liegen auf allen Biertischen die Texte von Deutschlandlied und Bayernhymne bereit, auch ein Flugblatt mit dem aktuellen Hinweis "TV-Duell: Klarer Sieger Gerhard Schröder!!!" Da hat jemand über Nacht - um mit Andersen zu sprechen - jede Menge nützliche Zeit rein gesteckt. Im CSU-Zelt finden sich weder Liedtexte, noch Duell-Analysen. Und nur bei den Grünen gibt es eine üppig ausgestattete Kinderspielecke.

Rundgang 2: Annäherungen.

"Sehr gut", fährt ein Senior die arme Frau am Broschürenstand der Grünen an. "Jetzt habt ihr es endlich geschafft. Jetzt ist der Benzinpreis über 1,40 Euro." - "Dafür kann ich doch nichts", sagt die Frau. Mikrofonprobe.

"Versteht man mich da hinten noch gut?", fragt jemand. Da müssen alle lachen, denn da hinten sitzt noch niemand. Eine Frau auf der Bühne bittet, dass jetzt alle ganz ruhig sein sollen. Auch, damit man nachher die Rede vom Jürgen Trittin gut verstehen kann. Schon sind alle ganz ruhig.

The final countdown

Ein paar Meter weiter, im CSU-Zelt, geht es viel lauter zu. Günther Beckstein ist angekommen und lässt sich in der Menge feiern. Die Szene erinnert an den Schütteltanz der Arbeiterbienen. Natürlich wird mal wieder "The final countdown" aufgedreht - eigentlich ein unpassendes Lied, handelt es doch von einem Astronauten-Flug zum Planeten Venus.

Draußen kommt gerade Franz Müntefering vorbei, der einen sehr umständlichen Weg zu seinem Zelt nimmt. Nach seinem Rundgang über das niederbayerische Volksfest, weiß zumindest jeder, dass der SPD-Chef da ist. Als Müntefering sein Zelt betritt, hat gerade eine Rednerin den Stadtpfarrer begrüßt, sodann spielt die Blaskapelle den bayerischen Defiliermarsch.

Ruhe bei den Grünen, Pfarrer bei den Sozialdemokraten, laute Rockmusik bei der CSU - in diesem Wahlkampf ist nichts mehr so, wie es mal war.

Schütteltanz der Arbeiterbienen

Rundgang 3: Inhalte. Beckstein ruft, dass er vorhin furchtbar erschrocken sei, weil er draußen Bundesumweltminister Jürgen Trittin gesehen habe. Aber gleich hinter Trittin seien ja die Dirndl- und die Spargelköniginnen gegangen. Da sei er, Beckstein, sehr erleichtert gewesen, "dass es hier noch gute und schöne Leute gibt".

Das ist der erste große Lacher über den sich rasch leerenden Bierkrügen im überquellenden CSU-Zelt. Später wird weitaus weniger gelacht, denn Beckstein warnt davor, dass Europa bald "an den Irak oder den Iran" grenzen könnte.

Besonders dann, wenn die Türkei EU-Mitglied wird. Auch fordert er: "Wer nicht Deutsch lernen möchte, der ist bei uns auf Dauer nicht willkommen." Großer Applaus. Nun wird es für den Reporter immer schwerer, sich gegen die CSU-Massen an die frische Luft zu drücken. Wo war gleich noch einmal das SPD-Zelt? Gegenüber dem Magenbrot-Stand.

"Nicht mehr alle Tassen im Schrank"

Schon von Ferne hört man Franz Müntefering rufen, die CDU habe "nicht mehr alle Tassen im Schrank" und die FDP gehöre "ins Bonner Haus der Geschichte". Warum, das ist in der dünstenden Menge leider nur sehr schwer auszumachen.

Die Zeit drängt, die Menschen drängen, und Westerwelle und Trittin drängen auch. Also ab ins Weinzelt, wo Westerwelle gerade das SPD-PDS-Gespenst spuken lässt: "Wenn Sie Schwarz-Gelb keine Mehrheit geben, dann wird es eine Verbrüderung der Linken geben". Hilfe. Trittin glaubt sich bei Unionsberater Heinrich von Pierer, der die Restlaufzeiten von Atomkraftwerken verlängern möchte, derweil an Erich Honecker erinnert. "Der hat auch seine Kraftwerke laufen lassen, bis sie zusammengebrochen sind."

Abgang. Auf dem Weg zum Bahnhof fühlt man sich wie nach einem missglückten Fernsehabend, bei dem man zwar alles gleichzeitig, aber nichts richtig gesehen hat. Die Zeit ist gleich lang, aber nicht gleich nützlich, steht auf dem Haus am Bahnhof. Ein Satz des Erzählers Andersen aus Dänemark. Und, das ist bekannt, Dänen lügen nicht.

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Quelle:
SZ vom 6.9.2005
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