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Begriff Völkerwanderung:"Es sind Bilder, die ins Dunkle weisen"

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(Foto: AFP)

Die aktuellen Flüchtlingsbewegungen werden häufig als "Völkerwanderung" bezeichnet. Ein Migrationsforscher erklärt, warum der Begriff in die Irre führt.

Sie kommen in maroden Booten übers Mittelmeer, ziehen zu Fuß in Richtung Europa, durchqueren in Zügen einzelne Staaten oder sammeln sich vor den gesicherten Grenzen Ungarns, Kroatiens und Sloweniens. Seit Monaten sehen wir täglich neue Bilder von Flüchtlingen. "Wir haben es mit einer großen Völkerwanderung zu tun. Das kann doch niemand mehr bestreiten", sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Und er ist nicht der einzige Politiker, der den Begriff der Völkerwanderung verwendet. Auch in vielen Medien ist von "Völkerwanderung als Normalzustand" von der "neuen" oder der "modernen Völkerwanderung" die Rede. Doch trifft der Begriff das Geschehen? Und sind überhaupt so viele Menschen unterwegs, wie es scheint? SZ.de sprach mit Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Uni Osnabrück.

SZ: Herr Oltmer, in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte fällt derzeit häufig der Begriff der Völkerwanderung. Ein stimmiges Bild?

Jochen Oltmer: Der Begriff der Völkerwanderung verweist auf historische Vorgänge in der Spätantike. Er ist entwickelt worden, um bestimmte Bevölkerungsbewegungen in einer bestimmten Zeit - dem 4., 5. und 6. Jahrhundert - zu kennzeichnen. Jeder, der diesen Begriff heute benutzt, muss sich im Klaren darüber sein, dass er auf diese Epoche verweist.

Sind denn in der Antike tatsächlich Völker gewandert?

Diese Frage wird in der Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren heftig debattiert, von den ursprünglichen Vorstellungen bleibt dabei wenig übrig. Klar ist inzwischen: Es sind nicht homogene Gruppen, gar Völker, die da unterwegs waren, sondern große Militärverbände, bewaffnete Kollektive, wenn auch zum Teil mit Familienanhang. Und sie waren in große kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt.

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Dann passt der Begriff Völkerwanderung also nicht auf die heutige Situation?

Ich halte es für hochproblematisch, zwischen der heutigen Situation und der in der Spätantike einen Bezug herzustellen. Historische Analogien sind immer schwierig. Und in der aktuellen politischen Debatte geht es gar nicht darum, sich mit den historischen Gegebenheiten der Spätantike auseinanderzusetzen. Es wird einfach ein Terminus verwendet, zum Teil sehr bewusst, der Vorstellungen von mehr oder weniger unkontrollierbaren Massenbewegungen weckt.

Der Begriff impliziert etwas Bedrohliches.

Genau. Die Bilder, die wir von Völkerwanderung im Kopf haben, sind solche von Zerstörung und Gewalt. Es sind Bilder, die ins Dunkle weisen.

Warum eigentlich?

Was die Spätantike angeht, schwirren in vielen Köpfen bruchstückhafte - und nicht unbedingt zutreffende - Vorstellungen von barbarischen Horden herum, die das Römische Reich überrannten und dabei eine ganze Zivilisation zerstörten. Wir nehmen Migration vor allen Dingen dort wahr, wo es um Krisen und Katastrophen geht. Selbst wenn es sich nicht um kriegerische Vorstöße handelt, sondern - wie derzeit in Europa - um Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut. Andere Wanderungsbewegungen werden hingegen völlig übersehen. Es gibt heute sehr viel Migration unter den reichen Staaten der Welt: Bildungs- und Ausbildungswanderung oder Entsendungen von sogenannten Expats, Siemens-Mitarbeiter zum Beispiel, die für ein paar Jahre in Shanghai arbeiten. Das interessiert niemanden.

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Wanderungsbewegungen sind also etwas Normales?

Migration ist normal, gar kein Zweifel. Seitdem der Mensch existiert, sehen wir Migrationsbewegungen, auch große, lang andauernde und über lange Distanzen. Das ist kein Phänomen der Neuzeit und hängt auch nicht an modernen Verkehrsmitteln.

Bis zu welchem Punkt wird Migration auch als normal empfunden - und wo schlägt das um?

Da spielen verschiedene Aspekte zusammen. Die Wirtschaft ist natürlich wichtig, die Frage, werden Flüchtlinge oder Einwanderer als nützlich angesehen oder als Konkurrenten um das knappe Gut Arbeitsplatz. Dann geht es auch um Vorstellungen von Zusammengehörigkeit. Ich darf daran erinnern, dass von 1950 an 4,5 Millionen sogenannte Aussiedler in die Bundesrepublik kamen. Die Nachfahren deutscher Auswanderer wurden als zugehörig zum Kollektiv der Deutschen angesehen, ihnen wurde ein besonderes Recht auf "Rückkehr" zugestanden. Auch politische Konstellationen spielen natürlich eine Rolle.

"Spektakulär ist vor allem die Zahl der Binnenvertriebenen"

Sind die Fluchtbewegungen nach Europa derzeit überhaupt bemerkenswert groß?

In der jüngeren Geschichte haben wir gerade auch in Europa immer wieder große Migrationsbewegungen erlebt. Wir hatten nach dem Ersten Weltkrieg große Bewegungen. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg - vor dem Hintergrund eines zerstörten Kontinents - riesige, zehmillionenfache Bewegungen, über Jahre hinweg, von Vertriebenen, Displaced Persons, ehemaligen Soldaten oder entlassenen Kriegsgefangenen. Dagegen ist das, was wir jetzt erleben, lächerlich.

Jochen Oltmer

Jochen Oltmer ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Osnabrück. Sein Forschungsschwerpunkt ist die jüngere Migrationsgeschichte seit dem späten 18. Jahrhundert.

(Foto: oH)

Und für sich genommen?

Dem UN-Flüchtlingskommissar zufolge haben wir im Moment global relativ viele Flüchtlingsbewegungen. 2014 waren demnach 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Aber 86 Prozent dieser Menschen werden in Ländern der sogenannten Dritten Welt aufgenommen. Nur ein kleiner Teil kommt in den reichen Norden. Zwei Drittel dieser 60 Millionen Menschen, also 40 Millionen Menschen, verlassen nicht einmal ihr Land, sondern weichen vor Gewalt innerhalb ihres Herkunftsstaates aus. Sie sind per Definition gar keine Flüchtlinge, sondern sogenannte Binnenvertriebene. Es gibt beispielsweise Syrer, die von einer Provinz in die nächste ziehen, immer auf der Flucht vor dem unmittelbaren Kriegsgeschehen.

Wenn man die 20 Millionen Menschen, die 2014 Grenzen überschritten haben, im Kontext mit der Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ansieht , dann wird deutlich, dass die Flüchtlingszahlen schon relativ hoch sind. Doch sie bewegen sich durchaus auf einem Level, das wir schon hatten, beispielsweise Anfang der 1990er Jahre. Spektakulär ist also vor allem die Zahl der Binnenvertriebenen - und die sind nicht in Europa zu finden.

Das heißt wir haben derzeit zwar relativ viele Flüchtlinge in Europa und Deutschland - im historischen Vergleich sticht ihre Zahl aber nicht besonders hervor?

Wir haben derzeit eine spezifische Konstellation in Europa. Es gibt einerseits Asylsuchende, die aus Europa selbst kommen, aus den Balkanstaaten. Andererseits gibt es Kriege und Krisen in mehreren Staaten, die quasi vor der Haustür Europas liegen, in Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Hinzu kommt, dass das System des "Schutzes" vor Flüchtlingen als Folge der Finanzkrise in Europa zusammengebrochen ist. Staaten an den Außengrenzen sind nicht mehr bereit, die Lasten zu tragen oder können es auch nicht. Hinzu kommt, dass Flüchtlinge sich im Vorfeld der EU ungehinderter bewegen können. Nach dem Arabischen Frühling sitzt in Libyen eben nicht mehr ein Staatschef Gaddafi, der Flüchtlinge schon in der Sahara aufhält.

Daher verzeichnen wir derzeit eine verstärkte Zuwanderung. Doch langfristig betrachtet, wird deutlich, dass es immer Wellenbewegungen sind. Das geht mal auf - wie wir es zuletzt Anfang der 1990er Jahre oder davor Ende der 1960er Jahre erlebt haben -, mal ab.

Längerfristig betrachtet ist es also eine Welle, aber es ist ...

... keine Völkerwanderung. Der Begriff passt nicht - und er verstellt den Blick auf die realen und sehr unterschiedlichen Auswirkungen von Flucht und Migration. Beim Begriff der Völkerwanderung gibt es nichts, was auf Heterogenität, auf Vielfalt hinweist, was irgendwie positiv besetzt wäre. Und das kann Migration ja auch alles sein.

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