Beerdigungen Fair bis zuletzt

Viele Grabsteine in Deutschland stammen aus Kinderarbeit, zum Beispiel aus Indien. Bisher sind Länder und Kommunen vergeblich dagegen vorgegangen. Wie lange noch?

Von Josef Kelnberger

Wer guten Gewissens sterben will, hat dringendere Probleme zu lösen als die Frage, welcher Grabstein über seiner letzten Ruhestätte aufragen soll. Und doch: Immer mehr Deutsche gruselt es bei der Vorstellung, am Ende eines ökologisch und sozial tadellosen Lebens eine verbrecherische Wirtschaft zu fördern. Zum Beispiel mit einem Grabstein, der von indischen Kindern bearbeitet worden ist.

Fast jeder zweite deutsche Grabstein soll aus Indien stammen. Dort arbeiten 150 000 Kinder in Steinbrüchen. Sie hantieren mit Schlagbohrern, atmen tückischen Staub ein, ruinieren ihre Gesundheit. Wer nun findet, schwedischer Marmor wäre eine Alternative, ist ebenfalls nicht auf der sicheren Seite. Denn skandinavischer Stein wird häufig zur Bearbeitung nach Indien verschifft. Die Tücken des globalisierten Kapitalismus machen vor den letzten Dingen nicht halt. Und was tut der deutsche Staat dagegen?

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat gerade die Stuttgarter Friedhofsverordnung gekippt, die fordert: Grabsteine müssen nachweislich ohne Kinderarbeit hergestellt worden sein. Zuvor war bereits eine ähnliche Regelung in Kehl gekippt worden. Geklagt hatten Steinmetze, und sie erhielten recht: Es gebe noch keine verlässlichen Zertifikate. Das Bestattungsgesetz der grün-roten Landesregierung, das den Kommunen solche Verbote erlaubt, erweist sich damit als ebenso gut gemeint wie wirkungslos.

Wie üblich in solchen Fällen stellt sich die Frage: Muss alles, was moralisch erwünscht ist, auch gesetzlich geregelt werden? Die rote-grüne Regierung in Nordrhein-Westfalen jedenfalls hat ein generelles Verbot erlassen, wendet es aber noch nicht an. Problem ist ebenfalls die Zertifizierung, obwohl es kirchlich geförderte Organisationen gibt, die Nachweise ausstellen. Vorangehen will nun die bayerische Staatsregierung. Noch vor der Sommerpause, teilt Gesundheitsministerin Melanie Huml mit, werde man einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Zertifizierung regelt, denn: "Der Gesetzgeber darf die Steinmetze nicht allein lassen bei der Frage, wie der Nachweis, dass Grabsteine ohne ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden, geführt werden kann."

Thomas Feldkamp von Aeternitas, der "Verbraucherinitiative Bestattungskultur", hat wenig Mitleid mit diesem Berufsstand. 80 Prozent aller in Deutschland aufgestellten Grabmale, so schätzt er, werden importiert. Viele Steinmetze würden nur als Wiederverkäufer auftreten und so satte Gewinne einstreichen. Namen, Todesdaten und Sinnsprüche würden häufig von polnischen Subunternehmern eingestrahlt. Feldkamp empfiehlt deshalb in der Grabmalfrage: deutschen Naturstein, von deutschen Steinmetzen bearbeitet.

Der Wunsch nach nachhaltiger Friedhofskultur ist laut Feldkamp in jeder Hinsicht unverkennbar. Der Sarg etwa soll biologisch abbaubar sein. Und muss es überhaupt ein Sarg sein? In vielen Bundesländern genügt mittlerweile ein Leichentuch. Das hat mit der muslimischen Bestattungskultur zu tun, ist aber auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit von Vorteil. Aeternitas zerstreut jedenfalls Bedenken: "Eine durchweg schlechtere Verwesung von Leichnamen ohne Sarg konnte bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden."