Beatrice von Weizsäcker:Obama versteht das Internet - unsere Politiker noch nicht

sueddeutsche.de: Sollten die Deutschen Ihrer Meinung nach über Militäreinsätze wie den in Afghanistan abstimmen?

von Weizsäcker: Bei konkreten Einzelfällen bin ich kritisch, da wird es zu tagespolitisch. Aber wenn es ums Grundsätzliche geht, wäre es sinnvoll, wenn das Volk in der Frage entscheidet: Sollte es der Bundeswehr grundsätzlich gestattet sein, im Ausland an UN-Einsätzen teilzunehmen?

sueddeutsche.de: Als wichtiges Mittel für die direkte Einflussnahme der Bürger nennen Sie das Internet. Dank des World Wide Web könnte jeder sich direkt an die Damen und Herren Politiker wenden, Stichwort: E-Demokratie.

von Weizsäcker: Aber nur wenige Politiker nehmen die Onliner bislang ernst. Viele Entscheidungsträger haben zwar eigene Homepages, aber sie nutzen das Internet nicht selbst - und darum fehlt ihnen auch das Verständnis für die Chancen und Wichtigkeit. Nach dem Motto, was ich nicht sehe, ist nicht wichtig.

sueddeutsche.de: Die politischen Entscheidungsträger gehören zumeist der Offline-Generation an. Müssen wir noch 20 Jahre warten, bis der direkte Draht zwischen Bürgern und Politikern wirklich funktioniert?

von Weizsäcker: Auf keinen Fall, das wäre ein gravierender Fehler. Da würden sich Politik und Bürgerwelt noch weiter entkoppeln. Wenn Sie so wollen, tut sich da eine neue Art von Generationenkonflikt auf.

sueddeutsche.de: Immerhin chatten hin und wieder Politiker mit Online-Usern wie unlängst der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff auf sueddeutsche.de.

von Weizsäcker: Das ist löblich, genauso wie die Internet-Videos von Frau Merkel. Aber es ist immer noch nicht das, was das Internet ausmacht. Barack Obama hat es in seiner Wahlkampagne vorgemacht: Er hat das Internet als politisierendes Medium eingesetzt. Obama hat das Netz verstanden - das tun unsere Spitzenpolitiker noch nicht. Wobei natürlich im amerikanische System alles auf eine Person zugeschnitten ist, wir dagegen haben die starke Rolle der Parteien. Wenn Sie im Herbst zur Bundstagswahl gehen, wählen Sie mit der entscheidenden Zweitstimme immer eine Partei.

sueddeutsche.de: Jeder weiß doch, dass die CDU von Angela Merkel geführt wird und sie Kanzlerin bleiben will. Vor den Parteien stehen Personen.

von Weizsäcker: Und doch wählen Sie nicht eine Koalition! Sie wählen auch nicht den Kanzler, Sie können nur Listen wählen, die die Parteien vorher aufgestellt haben. Und da kommen dann die Bestplatzierten in den Bundestag. In den USA wählen Sie eine Person. Das hat eine große Identifizierung zur Folge, eine richtige Sogwirkung.

sueddeutsche.de: Sie kritisieren in Ihrem Buch das hiesige, sehr ausgeprägte Parteiensystem. Was könnte besser werden?

von Weizsäcker: Beispielsweise wäre es sinnvoll, wenn die Bürger Einfluss erhalten, wen die Parteien auf ihre Wahllisten setzen. Auf Bundesebene bekommen die Wähler eine Liste serviert. Auf der Liste ist womöglich ein Kandidat, den Sie nicht haben wollen - doch wenn Sie die Liste ankreuzen, hat er Ihre Stimme. Hier, im schönen Bayern, haben die Bürger die Möglichkeit, zu panaschieren und kumulieren. Das heißt: Sie können mit Ihrer Zweitstimme bestimmen, wen Sie haben wollen. Rauf- und runterwählen - das ist doch fabelhaft! Warum nicht auch bei der Bundestagswahl?

sueddeutsche.de: Die Stimmzettel sind riesig. Alles dauert länger.

von Weizsäcker: Das ist oft der Einwand aus Politikerkreisen. Es sei so anstrengend. Da kann ich nur sagen: Stimmt, Demokratie ist manchmal anstrengend! Ja, das Wählen dauert dann halt etwas länger. Aber die Bürger gucken genauer hin, weil sie die Wahl haben.

Das Buch von Beatrice von Weizsäcker trägt den Titel "Warum ich mich nicht für Politik interessiere". Es ist im Lübbe-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro. ISBN 978-3785723890

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