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BBC erneut im Zwielicht:Sensationsgier auf Sendung

Eine neue Falschmeldung erschüttert das Vertrauen in die BBC.

In Großbritannien lief einst nur Queen Mum der British Broadcasting Corporation den Rang als nationale Institution ab. Seit dem Tod der Königinmutter ist die BBC zweifellos die ehrwürdigste alte Lady des Landes.

Es heißt, nach dem Zusammenbruch des Empire seien all jene, die früher eine Offizierskarriere in den Kolonien eingeschlagen hätten, in den Dienst der Sendeanstalt getreten, weil "BBC-Journalist" als einer der wenigen verbliebenen akzeptablen Berufe für einen distinguished gentleman galt. Lange wurde auf der Insel kein Medium als glaubwürdiger empfunden. Die BBC genoss den Ruf, fair zu berichten und integer zu sein.

Doch gerade dieses Renommee der BBC hat in jüngster Zeit Schaden genommen. Erst im vergangenen Jahr erschütterte der Skandal um den Waffeninspekteur David Kelly das Vertrauen, das die Zuschauer bis dahin in die BBC-Berichterstattung gesetzt hatten.

In einem Beitrag von Radio 4 hatte es im Juli 2003 geheißen, die Regierung von Tony Blair habe ihr Irak-Dossier dramatisiert, um ihre Kriegspolitik zu rechtfertigen. Der Bericht führte nicht nur zu großen Spannungen zwischen der britischen Regierung und der BBC, er zog letztlich auch den Selbstmord Kellys nach sich, der angeblich die "undichte Stelle" im Verteidigungsministerium gewesen war. Der BBC-Vorsitzende Gavyn Davies musste ebenso seinen Posten räumen wie der verantwortliche Journalist Andrew Gilligan.

Nun gibt es wieder Anlass zum Zweifel an der Zuverlässigkeit der BBC: Am Freitag, dem 20. Jahrestag der Gaskatastrophe im indischen Bhopal, hatte angeblich ein Sprecher von Dow Chemical gegenüber dem international ausgestrahlten Fernsehsender BBC World erstmals im Namen der US-Firma die volle Verantwortung für das Unglück übernommen.

Der Mann, der sich "Jude Finisterra" nannte, kündigte zudem Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von zwölf Milliarden Dollar an die Familien der mehr als 3000 Toten und 120.000 Verletzten von Bhopal an.

Die Sensationsmeldung stellte sich jedoch kurz darauf als Ente heraus: Dow Chemical gab am Freitag kurz nach Ausstrahlung des Berichts bekannt, die Firma habe keinen Sprecher namens Finisterra und übernehme auch keinerlei Verantwortung für das Gasunglück von Bhopal. Die BBC räumte umgehend ein, das Interview sei Teil eines "ausgeklügelten Betrugs" gewesen.

Ob dieser Lapsus personelle Konsequenzen haben wird, ist noch nicht klar. Der Glaubhaftigkeit der Institution BBC dürfte er allerdings im Zweifel sogar noch mehr geschadet haben als der Fall Kelly. Damals hielten einige dem als bisweilen etwas zu regierungsfreundlich geltenden Sender noch zugute, dass er zumindest den Konflikt mit Tony Blair nicht scheute.

Der Fall Jude Finisterra erscheint momentan als Ergebnis schlampiger Recherchearbeit in Folge von Sensationsgier. Das ist zumindest erstaunlich bei einem Sender, der traditionell an sich selbst immer nur die höchsten journalistischen Ansprüche gestellt hat.

© SZ vom 4. Dezember 2004
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