Süddeutsche Zeitung

Bayern-Wahl:Die großen Leiden der kleinen SPD

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Den Überlebenskampf der Sozialdemokraten kann man an diesem Montag an Andrea Nahles und Natascha Kohnen studieren. Beide Frauen zeigen Rückgrat - und wirken gleichwohl ratlos.

Von Stefan Braun, Berlin

Andrea Nahles hat ab und an etwas sehr direktes. Die SPD-Vorsitzende hat nicht gut geschlafen, sie sieht alles andere als glücklich aus. Und weil sie das von vornherein weiß, begrüßt sie die Medien am Montagvormittag nicht mit steifen, blöden, nichtssagenden Floskeln, sondern einer einfachen Wahrheit: "Das schlechte Ergebnis von gestern können wir auch heute nicht besser machen."

Mag sein, dass die SPD-Chefin ihrem Juso-Chef Kevin Kühnert gelauscht hat; mag aber auch sein, dass ihre brutale Klarheit nichts damit zu tun hat, dass Kühnert nach dem bayerischen Wahldebakel erklärte, er könne die üblichen Floskeln nicht mehr hören. Auch Nahles ist nicht danach, und man kann es ihr nicht verdenken.

9,7 Prozent in Bayern, mehr als zehn Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren - was sich als Trend schon lange zeigt, hat für die Sozialdemokraten in Bayern zu einem neuen Tiefpunkt geführt. Entsprechend nüchtern wirkt neben Nahles auch Natascha Kohnen, die in Bayern die SPD in den Wahlkampf führte.

"Die Grünen sind einfach viel freier gewesen"

Auch sie hat sichtlich keine Lust auf klischeehafte Formulierungen, sondern spricht aus, was ihr besonders weh tat. "Die Grünen sind einfach viel freier gewesen", erzählt Kohnen. Während die SPD durch die Aggressionen der CSU in der Berliner Koalition wie gehemmt gewesen sei, hätten die Grünen alles sehr klar aussprechen und geißeln können. Kohnen sagt nicht, dass die SPD die Koalition sofort und unbedingt und ganz schnell verlassen müsse. Sie legt vielmehr offen, was in der Koalition so große Schmerzen bereitet. Auf Dauer könnte das unter den Sozialdemokraten viel wirkungsvoller sein als der laute Ruf: Raus hier!

Das große Leiden der kleinen SPD - es tritt an diesem Morgen sehr schnell und sehr offen zu Tage. Und das liegt nicht am Eindruck, den Nahles und Kohnen hinterlassen. Sie stellen sich in den Wind, verstecken sich nicht, halten den Kopf hin. Das wirkt viel stärker, als man es nach dem Ergebnis erwarten konnte.

Und doch können die beiden SPD-Frauen im Angesicht der großen Baustellen und dem riesigen Problem des Trends, der sich seit langem gegen die Genossen richtet, so schnell nichts ausrichten. Sie können allenfalls drauf verzichten, weiter drum rum zu reden. Und das tun sie.

Kohnen berichtet, dass ihr im Wahlkampf in Bayern schon "viel Skepsis und viel Distanz" begegnet seien. Offenkundig hätten die Leute nicht mehr das Gefühl, dass Ankündigungen bis zur letzten Konsequenz durchgefochten würden. "Wir müssen den Menschen wieder den Glauben geben, dass wir das, was wir wollen, auch bis zum Ende durchsetzen."

Kohnen kündigt an, dass ihre bayerische SPD die Ursachen hart und vollständig analysieren werde. Das heiße für sie: Alles stehe auf dem Prüfstand. Anders ausgedrückt: auch sie selber.

Parteichefin Nahles würde für sich selbst so weit sicher nicht gehen. Aber sie wirkt durchaus wütend und resolut, als sie betont, dass sich in der Berliner Koalition Inhalt und Stil schnell ändern müssten. Sonst könnte es alsbald keinen Sinn mehr haben, die Zusammenarbeit fortzusetzen.

Keine roten Linien, aber Mindestziele

Genau diesen Zungenschlag wählte sie schon wenige Tage vor dem Wahltag im Süden; offenkundig will Nahles den Eindruck vermeiden, die SPD sei gar nicht mehr in der Lage, Nein zu rufen. Rote Linien freilich will sie nicht ziehen; lieber möchte sie in den SPD-Gremien darüber sprechen, wann man überhaupt noch von einem Erfolg der großen Koalition sprechen könnte. Keine negativen Katastrophen, sondern das Erreichen von Mindestzielen soll über das Schicksal der Koalition entscheiden.

Mit dem gleichen Duktus ist Generalsekretär Lars Klingbeil schon am frühen Morgen durch alle Medien getingelt. Eine Mischung aus Ehrlichkeit (über das katastrophale Ergebnis), Demut (gegenüber den eigenen Anhängern) und wütender Entschlossenheit (gegenüber dem Koalitionspartner) soll der SPD jetzt das Überleben sichern.

Hinzu kommt noch die kleine Atempause. Jene zwei Wochen also bis zur Landtagswahl in Hessen, in denen man alles versuchen wird, um die Welt für die SPD doch wieder ein bisschen besser zu machen. Sprich: Kohnen, Klingbeil und natürlich Nahles versprechen sprichwörtlich alles zu versuchen, um endlich mal wieder zu punkten. "Mehr Tempo, mehr kämpfen" - das möchte Nahles erreichen.

Es ist vor allem das Prinzip Hoffnung, was der SPD helfen soll. Wenn man sich ansieht, wie die beiden Frauen sich im unangenehmsten Moment ihrer Karriere in den Sturm stellen, dann könnte sich mit etwas Glück auch diese Form von Anstand und Courage auszahlen.

Wäre da nicht am Ende ausgerechnet jener Sozialdemokrat, der oft genug das größte Talent besitzt, im falschen Moment besonders laut aufzutreten. Gemeint ist Ralf Stegner, der Mann aus Schleswig-Holstein. Kaum sind Nahles und Kohnen in ihrer ganz eigenen Tonart aufgetreten, da verschickt ein Nachrichtensender neueste Stegner-Zitate. Von "Debakel" und "Ohrfeige" ist da die Rede. Und davon, dass die Koalition "nicht mehr lange halten wird, wenn sich nichts Gravierendes ändert". Hart und aggressiv soll das rüber kommen - und befeuert damit genau das Gegenteil dessen, was Nahles und Kohnen in "Stil und Inhalt" präsentierten.

Besser hätte die SPD nicht zeigen können, dass nicht nur da draußen viele Gegner sitzen, sondern auch im eigenen Selbstverständnis große Unterschiede auftreten. Das erklärt nicht alles in dieser großen Krise. Aber es erklärt viel mehr, als die meisten Sozialdemokraten sich eingestehen würden.

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