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Kommentar:Lieber einmal zu viel gewarnt

Wenn Schulschließungen dazu beitragen, dass Kinder sich nicht auf einen womöglich gefährlichen Schulweg machen, sind sie an einzelnen Tagen vertretbar.

(Foto: Toni Heigl)

Es liegt in der Natur der Sache, dass es bei Extremwetterlagen auch zu Übertreibungen kommt. Es handelt sich um eine Gratwanderung für all jene, die über Warnungen entscheiden.

Wer Montagfrüh in München mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, konnte kurzzeitig dazu geneigt sein, die Deutsche Bahn, die Wetterdienste und einige Behörden für übergeschnappt zu halten. Das bisschen Wind und Regen - und deshalb stellten Bahn, S-Bahn und viele Regionalzüge den Betrieb ein? Deshalb fiel in Bayern der Unterricht aus? Deshalb schlossen Skigebiete, Friedhöfe und Zoos? Deshalb wurde schon am Wochenende eine Katastrophenstimmung verbreitet, die mancherorts angemessen war, aber nicht im Süden, in dem frühlingshafte Temperaturen die Menschen zu den Eisdielen lockten?

Und doch kann keinesfalls die Rede davon sein, dass das Vorgehen übertrieben wäre. Die Vorsichtsmaßnahmen, für die sich etwa die Deutsche Bahn entschied, folgten ja keiner Panikmache oder Lust am Chaos. Sie wurden getroffen, weil das Unternehmen aus der Vergangenheit gelernt hat. Wenn Züge auf freier Strecke liegen bleiben, wenn Bäume oder Strommasten auf sie stürzen, kann das Leib und Leben der Passagiere gefährden. Diese Gefahren sind bei einem so stürmischen Tief wie Sabine als hoch einzustufen und sie sind relevanter als der Ärger über nicht fahrende Züge. Es ist eine nachvollziehbare Abwägung des Unternehmens, die sich die Verantwortlichen gewiss nicht leicht gemacht haben.

Ähnlich stellt sich die Lage bei den Schulschließungen dar: Wenn diese dazu beitragen, dass Kinder sich nicht auf einen womöglich gefährlichen Schulweg machen, sind sie an einzelnen Tagen vertretbar. Es darf natürlich nicht zur Regel werden, sobald ein kleiner Sturm aufzieht. Ärgerlich war für manche Betroffene im aktuellen Fall, dass die Informationswege nicht überall optimal waren, auf denen Eltern und Betreuer am Sonntagabend erfuhren, dass der Unterricht ausfallen würde. Viele Familien mussten den Montag Hals über Kopf völlig neu organisieren und fühlten sich mit offenen Fragen alleingelassen. Das ist durchaus verbesserungsfähig.

Derartige Überraschungseffekte, ob bei Reisenden oder Eltern, waren auch deshalb so groß, weil die vermeintlich drastischen Maßnahmen so ungewohnt sind - noch. Dies dürfte sich ändern, je öfter sie ergriffen werden. Das sei mitnichten als Wunsch verstanden, der sich an Handelnde in Firmen und Behörden richtet. Aber wie sollte es anders kommen in hoch technisierten Zeiten? Wetter- und Sturmvorhersagen werden laufend präziser. Es wäre fahrlässig, diese Informationen nicht zu nutzen - weil es bei extremen Wetterlagen darum geht, Leben zu schützen. Es liegt in der Natur der Sache, dass es dabei auch zu Übertreibungen kommt, nach der Devise: Lieber einmal zu viel gewarnt als einmal zu wenig. Das ist eine Gratwanderung vor allem für jene, die darüber entscheiden. Kritik und Hohn werden sie häufig ernten, Dank selten.

Wer weiß schon im Nachhinein, wie viel Unheil verhindert wurde? Es ist leicht, sich nachher darüber lustig zu machen, welche Vorsichtsmaßnahmen überzogen waren. Dennoch wird man sich aufgrund des Klimawandels an Extremwetterlagen und einen veränderten Umgang mit diesen gewöhnen müssen. In anderen Ländern haben das die Menschen längst, Routinen sind eingespielt. So wird es hier auch kommen. Und trotzdem wird uns das Wetter ab und an mit unverhofften Kapriolen überraschen - allen Warndiensten und Wetter-Apps zum Trotz.

© SZ vom 11.02.2020
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