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Bayern:Der Söder in ihm

Trägt er wirklich die Bienchen im Herzen? Der neue Ministerpräsident des Freistaates erstaunt mit seiner Wandelbarkeit Freund und Gegner.

Wenn Markus Söder dieses Foto später auf Instagram posten und behaupten würde, dass er in der Mojave-Wüste war oder auf einem Mond des Jupiters - man würde ihm das fast glauben. Söder steht aber auf der Zugspitze. Es ist ein schöner Spätsommertag, und hinter dem bayerischen Ministerpräsidenten liegen die kümmerlichen Reste von dem, was einst ein Gletscher war. Die Fotografen müssen Söder nicht lange bitten, sich in Pose zu werfen. Das karge Geröll auf Deutschlands höchstem Berg bietet genau die mahnende Kulisse, die sich der neuerdings oberste Klimaschützer der Nation wünscht.

Neben Söder steht sein Umweltminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern, die Fotografen hätten den Chef allerdings lieber allein auf dem Bild. Nein, der Thorsten müsse unbedingt mit drauf, beharrt Söder. Früher hätte er allzu ambitionierte Kleindarsteller womöglich persönlich über die Bergkante befördert, jetzt teilt er bereitwillig das Rampenlicht. Ist das wirklich noch der Mann, der seine politische Lebensreise lange als einzigen Egotrip verstand?

Markus Söder mit Baum

Ein Mann mit vielen Eigenschaften: Markus Söder mit Baum im Hofgarten hinter der bayerischen Staatskanzlei, München, zur Illustration seiner Klimaschutzpolitik.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der Markus Söder des Jahres 2019 gibt sich alle Mühe, dass der Markus Söder früherer Jahre in ihm höchstens noch in Spurenelementen nachweisbar ist. Er gibt den Öko- Aktivisten und milden Landesvater, er will seriöser Bundespolitiker sein und sogar Teamspieler. Im Herbst 2018 war Söder noch einer der größten Wahlverlierer der CSU-Geschichte mit guten Aussichten auf ein politisches Frührentnerdasein. Nun wird er in ernst zu nehmenden Kanzlerumfragen als Hoffnungsträger der Union genannt. Kann das alles wahr sein?

Wahr ist: Als Anfang des Jahres 1,7 Millionen Bayern das Volksbegehren "Rettet die Bienen" für mehr Artenschutz unterschrieben, setzte Söder sich flugs an die Spitze der Bewegung - er übernahm die Forderungen nicht nur eins zu eins, sondern ging sogar darüber hinaus. Jetzt fragten sich die Leute: Meint er das ernst? Haben die Bienchen wirklich einen Platz in seinem Herzen? Erwin Huber, der frühere CSU-Chef, der nicht umsonst heute Philosophie studiert, hatte diese Antwort parat: "Den Ergebnissen ist die Motivation wurscht."

Die CSU, hat Söder 2019 einmal in erstaunlicher Offenheit gesagt, müsse stets den "Mehrheitswillen" der Bevölkerung "annehmen". Gegen den gesellschaftlichen Konsens, so sein Argument, könne man nicht regieren und schon gar nicht Volkspartei bleiben. Deshalb soll die CSU nach seinem Willen grüner, digitaler und weiblicher werden.

Söder versucht, das breite Dach der Volkspartei CSU zu stabilisieren, das nicht zuletzt er selbst durch seine scharfe Rhetorik in der Flüchtlingsdebatte ins Wanken gebracht hatte. Alle sollen Platz haben unter diesem Dach: Konservative, Liberale, Christen, Wirtschaftsgläubige. Söder folgt da auch dem Rat der CSU-Weisen: Seine vormaligen Kritiker Theo Waigel und Alois Glück ließen sich beim Artenschutz gern von ihm einbinden. Und Söders politischer Ziehvater Edmund Stoiber freut sich, dass der Ziehsohn mit Milliardeninvestitionen in Wissenschaft und Hightech an seine eigene Ära anknüpft.

Wie einst Stoiber ist Söder seit Januar der Alleinherrscher der CSU, Ministerpräsident und Parteichef. Dass es in Berlin noch einen Bundesinnenminister namens Horst Seehofer gibt, daran werden CSU-Leute nur noch gelegentlich in der "Tagesschau" erinnert. Der Parteivorsitz ist Söder mehr oder minder zugefallen, Manfred Weber wollte seine europäische Spitzenkandidatur damit einfach nicht belasten. Söders Umgang mit Weber lieferte dann immerhin Indizien, dass er tatsächlich zu einem gewissen Maß an Teamwork fähig ist: Im Europawahlkampf überließ er Weber die Bühne. Auch wenn dessen Hoffnungen auf das Amt des EU-Kommissionspräsidenten schmerzlich unerfüllt blieben, waren die 40,7 Prozent der CSU in Bayern für Söder doch von Bedeutung: als zarter Beleg, dass es nach dem Debakel bei der Landtagswahl wieder aufwärts geht.

Markus Söder

... als junger wilder Söder und Elvis-Fan: Am 16. August 2016 twitterte Markus Söder: "Todestag von #Elvis. Er war der #King und ich habe seine Musik sehr gemocht. Und eine Haartolle hatten auch viele."

(Foto: Markus Söder/Twitter)

Die CSU hat Söders Wandlungsfähigkeit und Entschlossenheit stets bewundert, aber jetzt, wo er ihr Vorsitzender ist, hat sie Mühe, ihm zu folgen. Der Parteitag im Herbst wurde für viele Mitglieder zum Ventil: Mit seinen Plänen für die Ausweitung der innerparteilichen Frauenquote kam er nicht durch.

Sein wichtigstes Projekt bleibt die Aussöhnung mit der CDU, das ist seine etwas späte Lehre aus dem selbstzerstörerischen Flüchtlingsstreit. Zusammen mit Annegret Kramp-Karrenbauer betont er bei jeder Gelegenheit die neue Einheit der Union. Wie ein großer Bruder steht der gut dreißig Zentimeter längere Söder neben der CDU-Chefin. Während sie sich in endlosen Schachtelsätzen verliert, bringt der gelernte Fernsehjournalist Söder die Dinge auf den Punkt. Und wenn Kramp-Karrenbauer mal wirklich etwas zu sagen hat, wie bei der CSU-Klausur in Banz, dann wird sie just in diesem Moment vom Mittagsläuten der Klosterkirche übertönt.

Die Schwäche des CDU-Personals ist der Grund, weshalb Söder überhaupt als Kanzlerkandidat genannt wird. Interesse an dieser Rolle hat er nicht, aber sie schmeichelt ihm. Söder mag den Abschied vom "Ego first" verlangen, was ihn freilich nicht davon abhält, die Bayerische Staatskanzlei genau wie die CSU-Parteizentrale ganz auf seine persönlichen Bedürfnisse zuzuschneiden.

Im Herbst steht Söder noch einmal auf der Zugspitze, diesmal mit den Regierungschefs aller Bundesländer. Bayern hat den Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz übernommen, noch vor einem Jahr war Söder dort als Rüpel aufgefallen. Jetzt bittet er auf Schloss Elmau, Schauplatz des G-7-Gipfels von 2015, die Ministerpräsidenten zum Gruppenfoto. Sein eigenes Andenken hat er da indes schon längst in die Welt getwittert. In aller Früh hat er sich fotografieren lassen, allein auf einer Bank vor dem Bergpanorama, die Arme ausgebreitet wie einst an gleicher Stelle Barack Obama. Wenigstens in diesem Moment war Markus Söder wieder ganz er selbst.