Gesellschaftsklima in Bautzen:Wer dazu gehört - und wer nicht

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Drews gegen Schmidt - diese Konstellation sorgte schnell für großes Interesse an "Zurück zur Sachlichkeit". Die Stadt musste wegen der hohen Nachfrage den Veranstaltungsort wechseln. Am Freitagabend bildet sich trotz Schnee und Kälte schon 45 Minuten vor Beginn eine lange Schlange vor der Tür der Maria-und-Martha-Kirche.

Mehr als 850 Menschen sind gekommen. Nicht alle finden Platz auf den langen Holzbänken. Dutzende stehen noch unter der schweren Holzempore am Eingang, als der Moderator von der Landeszentrale für politische Bildung die Regeln für den Abend erklärt. Nach den Impulsvorträgen von Drews und Schmidt können diskussionswillige Bautzner nach vorne kommen, um mit zu debattieren, erklärt er. Und mahnt: "Bitte versuchen Sie, zuzuhören und wirklich mit den Menschen zu reden."

Doch bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass der Abend dem selbst gestellten Anspruch nicht gerecht wird. Annalena Schmidt hält mit zitternder Hand ihr Redemanuskript. Sie beschreibt Bautzen als eine zerklüftete Landschaft, mit kleineren und größeren Gräben, die es zu überwinden gilt.

Sie berichtet von ihrem Engagement in der Stadt, widerspricht der Behauptung, dass Deutschland kein Rechtsstaat sei - und zitiert das Grundgesetz: "Eine Zensur findet nicht statt". Lautes Gelächter und Buhrufe aus dem Mittel- und den Seitenschiffen. Hände hämmern auf Holzbänke. Erst nach einem Zwischenruf des Moderators kann Schmidt weiterreden.

"Geh doch weg"

Jörg Drews wird dagegen mit lautem Beifall bedacht. Er beschwört Gefahren, die von einer multikulturellen Gesellschaft ausgehen; spricht von fehlender Solidarität, von "Zersetzung". All diese Angst bettet er in Liebesbekundungen an die Stadt ein. Er sei einer von hier. Einer, der in Bautzen seine Lehre gemacht habe - und jetzt schon lange hier Steuern zahle.

Drews setzt damit auch den Ton für die Debatte. Die folgenden anderthalb Stunden sind von der Frage geprägt, wer eigentlich Bautzner ist. Wer dazugehört - und wer nicht.

Drews gehört dazu - Schmidt, die lange im hessischen Gießen lebte und erst 2015 nach Bautzen kam, nicht. Das scheint die vorherrschende Meinung unter jenen zu sein, die an diesem Abend auf einem der Stühle im Altarraum Platz nehmen und sich zu Wort melden.

Sie betonen, wie lange sie schon in Bautzen leben - Jahreszahlen werden aneinander gereiht, als würden sie den Argumenten besonderes Gewicht verleihen. Zwischendurch sinkt eine Frau mit kurzen grauen Haaren auf einen der Stühle auf dem Podium. Sie sei auch noch nicht lange in Bautzen, sagt sie. Und angesichts dieses Abends schäme sie sich, hier zu wohnen. Die Menge brüllt: "Geh doch weg!"

Dagegen, aber wofür?

Der Altarraum wird zum Schauplatz für ein regelrechtes Tribunal, bei dem die Bautzner mit Zwischenrufen über Schmidt und ihre Unterstützer richten. Als Schmidt heftige Beleidigungen zitiert, mit denen sie auf Facebook verunglimpft wird, quittiert die Menge das mit gehässigem Gelächter. Schließlich fühlt sich Oberbürgermeister Ahrens bemüßigt, sich gegen die Beleidigungen zu stellen. Über Brückenbauer Drews sagt er: "Seine Firma steht für Qualität". Man müsse Politik und Unternehmen voneinander trennen.

Der Moderator versucht immer wieder die Diskussion von den Personen Schmidt und Drews wegzuleiten. Er wirft die Frage in den Raum, wie die Bautzner künftig besser miteinander diskutieren könnten. Eine Zuhörerin fragt das Publikum, ob es denn eigentlich nicht nur gegen, sondern auch für etwas sei. Antworten werden nicht gefunden, weil wieder jemand einen Tweet oder Blogeintrag von Schmidt vorlesen möchte.

Nach zwei Stunden steht Oberbürgermeister Ahrens noch mal im Altarraum. Fast schon entschuldigend weist er darauf hin, dass die Veranstaltung nur ein Auftakt gewesen sei und man noch dazulerne. Annalena Schmidt will dringend nach draußen. "Ich muss eine rauchen und will gerade keine Menschen um mich haben", sagt sie und drückt sich an den Kamerateams vorbei.

Auch die anderen Bautzner verlassen die Kirche, gehen hinaus in die dunkle Nacht. Eine Gruppe beschwert sich, dass es gar nicht um die Flüchtlingspolitik ging. "Was die uns da angetan haben."

Man fühlt sich an die Worte des Moderators erinnert, der am Anfang der Diskussionsrunde erklärt hatte, warum ausgerechnet er als Auswärtiger durch den Abend führt, und nicht etwa jemand aus Bautzen. "Wenn es schief läuft, bin ich schuld. Aber ich fahre heute Abend zurück nach Dresden." Nicht dazuzugehören hat auch Vorteile.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Firma Hentschke-Bau habe 167 000 Euro an die AfD gespendet. Das ist nicht korrekt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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