bedeckt München 26°

Baustopp bei Stuttgart21:Kein Kuss für Kretschmann

Das Stuttgart 21-Moratorium ist ein löblicher Akt der Vernunft. Die Bahn tut das, was ein vernünftiger Kaufmann macht, sie ist vorsichtig. Das ist in erster Linie eigennützig, in zweiter Linie auch sinnvoll für den designierten grünen Ministerpräsidenten.

Heribert Prantl

Das ist noch keine Verbeugung vor der neuen Landesregierung, keine Kehrtwende, kein Einstieg in den Ausstieg. Das ist ein, wie man neuerdings sagt, Moratorium. Die Bahn will vorerst keine neuen Aufträge zu Stuttgart 21 mehr vergeben, sie will "keine neuen Fakten schaffen". Das ist ein löblicher Akt der Vernunft.

Solange man nicht weiß, wie es unter der grün-roten Regierung mit dem Bahnhofsprojekt weitergeht, solange man nicht weiß, ob es darüber eine Volksabstimmung gibt und wie diese endet - so lange wäre es töricht, neue Verträge zu schließen, aus denen die Bahn später allenfalls mit hohen Kosten wieder herauskommt.

Die Bahn tut also nicht dem designierten grünen Ministerpräsidenten einen Gefallen, sondern vor allem sich selbst. Sie macht das, was ein vernünftiger Kaufmann macht: Sie ist vorsichtig. Wäre sie früher so vorsichtig gewesen, dann wäre Stuttgart 21 nicht das gewaltige Problem geworden, das es geworden ist.

Als im Herbst 2010 Heiner Geißler die Schlichtung zu Stuttgart 21 begann, sagte er: "Es darf nicht sein, dass während der Gespräche Bagger herumrumpeln." So ähnlich ist es jetzt auch. Die neue Regierung wird die große Geschäftsgrundlage für Stuttgart 21 prüfen; dies haben die Grünen ihren Wählern versprochen. Das Beste, was die Bahn derweilen für ihr Projekt tun kann, ist es, nichts dafür zu tun. Jede neue Baumaßnahme weckt mehr Erbitterung und Widerstand, als die Maßnahme wert sein kann.

Die Erklärung der Bahn ist kein Kuss für Kretschmann, vielleicht ein Küsschen. Der Bahnchef spitzt jedenfalls die Lippen. Dies ist ein Ausdruck dafür, dass er einen modus vivendi mit der Regierung sucht. Es kann passieren, dass er das Projekt abpfeifen muss.

© SZ vom 30.03.2011/olkl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite