BauarbeiterNoch mauern sie

Lesezeit: 2 Min.

Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement soll als Schlichter verhindern, dass es nach elf Jahren wieder zu einem Streik in der boomenden Branche kommt.

Von Detlef Esslinger

Auf den ersten Blick hört sich die Sache gar nicht so kompliziert an. Sechs Prozent mehr Geld fordert die IG Bau für die 800 000 Beschäftigten - das ist die Zahl, mit der Gewerkschaften in diesem Jahr fast überall in die Tarifrunde ziehen. Aber seit Anfang Februar verhandeln IG Bau und Arbeitgeber ohne Ergebnis, und seit Montag nun unter Zuhilfenahme des früheren Wirtschaftsministers Wolfgang Clement, 77, als Schlichter. Auch er hatte bisher keinen Erfolg. An diesem Freitag versammelt er die Kontrahenten erneut in Berlin. Klar ist: Entweder sie werden sich nun einig. Oder es wird Streik geben, den ersten am Bau seit elf Jahren.

Es sind etliche Besonderheiten der Branche, die den Konflikt so unübersichtlich machen: Der Anteil der Personalkosten ist hier viel höher als anderswo. Im Hochbau etwa beträgt er gut die Hälfte aller Kosten, während hingegen zum Beispiel bei Autozulieferern nur knapp ein Fünftel aller Kosten fürs Personal fällig wird. Tariferhöhungen wirken sich also besonders stark aus. Hinzu kommt, dass viele Firmen es mit ausländischen Konkurrenten zu tun haben, die nur den Bau-Mindestlohn zahlen.

Schwierige Bedingungen gehen mit Firmeninhabern einher, von denen viele die Etikettierung "schwierig" als Kompliment empfinden dürften. Ihr Verband musste bei seinen Mitgliedern im Osten und im Norden erst wochenlang dafür kämpfen, über eine Zusatzforderung der Gewerkschaft überhaupt verhandeln zu dürfen: der nach einem 13. Monatsgehalt. Und dass die Firmen ihren Arbeitern nicht nur die eigentliche Arbeit, sondern auch die mitunter stundenlange An- und Abfahrt zum Arbeitsplatz - eine weitere Besonderheit der Baubranche - bezahlen sollen, finden sie im Grunde seltsam. "Da sind wir noch störrisch", heißt es in ihren Kreisen. Schließlich finden sie es auch nicht so dringlich, ihren Azubis die Fahrten zu Berufsschulinternaten und die Logis dort zu bezahlen. Sie verweisen darauf, dass es "in einigen Ländern" Gesetze gibt, die zumindest die Fahrtkosten regeln. Die IG Bau wiederum sagt: eben - in einigen; nicht in allen.

Doch auch die Gewerkschaft legt Wert auf eine gewisse Hemdsärmeligkeit. Üblich bei einer Schlichtung ist, dass alle Seiten sich der Öffentlichkeit entziehen. Man will alle Aufgeregtheiten vermeiden. Die IG Bau jedoch organisierte am Montag vor dem Berliner Hotel, in dem sie sich mit Clement und den Arbeitgebern zur Schlichtung traf, eine Kundgebung. Selbst der DGB-Chef kam und hielt eine schmissige Rede, vor 1500 Bauarbeitern. Hinterher erklärte IG-Bau-Chef Robert Feiger: "Es war nicht zu erkennen, dass die Arbeitgeber ernsthaft einen Abschluss wollen." Die wehrten sich mit dem Hinweis, 4,2 Prozent mehr Geld sowie eine Einmalzahlung von 400 Euro angeboten zu haben, bei 22 Monaten Laufzeit. "Es ist bedauerlich, dass die IG Bau zu keinerlei Zugeständnissen bereit ist", sagte ihr Verhandlungsführer Frank Dupré.

Sollte der Schlichter Clement irgendwann in der Nacht zum Samstag erfolgreich sein, ist damit nicht gesagt, dass der Konflikt wirklich zu Ende ist. Denn warum gab es 2007 den Streik? Weil die Arbeitgeber in Niedersachsen und Schleswig-Holstein seinen Schiedsspruch nicht akzeptierten.

© SZ vom 11.05.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: