MeinungÖsterreichVom Stadtstreicher zum Wiener Original

Kolumne von Gerhard Fischer

Lesezeit: 2 Min.

Karl Baron lebte von 1882 bis 1948, die meiste Zeit davon auf der Straße. Er war beliebt und bekannt und erhielt schließlich eine Würdigung: 1995 wurde die Baron-Karl-Gasse in Favoriten eingeweiht.
Karl Baron lebte von 1882 bis 1948, die meiste Zeit davon auf der Straße. Er war beliebt und bekannt und erhielt schließlich eine Würdigung: 1995 wurde die Baron-Karl-Gasse in Favoriten eingeweiht. (Foto: Foto: Bezirksmuseum Favoriten Wien, gemeinfrei)

Der Baron Karl musizierte für Kinder und kümmerte sich um seine Mitmenschen. Wie aus einem Obdachlosen im 10. Bezirk ein Wiener Original wurde.

Der Baron Karl. Zum ersten Mal habe ich im Dezember 2024 in Wien-Brigittenau von ihm gehört. Im Wirtshaus „Lebenstraum“ saßen gut 20 Menschen beim Dialektabend des Sprachforschers Otto Luif, es ging um Ausdrücke wie „Oaschpfeifferl“ und „Tschopperlwossa“.  Später traten der Schauspieler Erwin Leder – er spielte im Filmklassiker „Das Boot“ den Obermaschinisten Johann – und der Musiker Heinz Jiras auf. Leder sprach über den Dichter H.C. Artmann – und über den Baron Karl, eine Wiener Legende, die von 1882 bis 1948 lebte.

Karl Baron, der überall bloß Baron Karl genannt wurde, war ein Faktotum aus Favoriten, ein Stadtstreicher und Vagabund, ein sensibler Sandler, ein Musiker, der für Kinder spielte, ein Obdachloser, der in Parks schlief, in Streusandkisten oder Mülltonnen. „Wenn es kalt war, setzte er sich auf den Gehsteig vor eine Polizeidienststelle und spielte so lange krächzend auf seiner Geige, bis er wegen Ruhestörung zu einer Nacht Arrest verurteilt wurde“, schrieb der Standard.

Erwin Leder erzählte, der Baron Karl habe, als ihn seine große Liebe nicht erhörte, beschlossen, fortan nur noch zu tun, was er wolle, weil ihm ein bürgerliches Leben egal geworden war. Es gibt aber auch eine andere Version, die unter anderem in Michael Horowitz’ Buch „Wiener Originale“ zu lesen ist: 1905 verletzte ein Kollege Karl Baron, der Tischler war, am Jochbein. Als Baron aus der Ohnmacht erwachte, wollte er nicht mehr arbeiten, bloß noch musizieren. So ist es mit Legenden: Man weiß nie genau, was wahr ist oder falsch.

Wie dem auch sei. Der Baron Karl machte tatsächlich vor allem Musik, den Kindern spielte er immer „O du lieber Augustin“ vor. Aber er musizierte nicht nur, er half angeblich anderen Menschen in Favoriten, als sei er dort der Bürgermeister; zum Beispiel sammelte er Geld für die Armen. So hat es Erwin Leder erzählt. Baron Karls Ende war dann tragisch. Er wurde am 13. Oktober 1948 an der Kreuzung Favoritenstraße/Schleiergasse von einem russischen Lastwagen überfahren. Nicht 100, nicht 1000, sondern fast 10 000 Menschen waren danach bei seiner Beerdigung auf dem Zentralfriedhof.

Otto Luif schickte mir im Frühjahr die Nachricht, er habe eine LP über den Baron Karl, und er sandte mir einen Artikel aus der Wiener Zeitung Die Woche, Ausgabe vom 14. November 1948. Die Überschrift lautet: „Der liebe Augustin von Favoriten. Die Wahrheit über Baron Karl.“ In dem Artikel heißt es dann, dass ein Protestbrief die Redaktion einer Wiener Zeitung – es war das Kleine Volksblatt – erreicht habe. Geschrieben habe ihn Rosa Steinhauer, die Schwester des vor einigen Wochen verstorbenen Baron Karl. Frau Steinhauer beschwerte sich demnach, dass die Zeitung ihren Bruder als „leichtsinnigen Kumpan“ bezeichnet hatte. Dies kränke sie sehr. Karl sei vielmehr ein „sehr fleißiger Tischlergeselle“ gewesen, „reich talentiert, sprach vier Sprachen und spielte meisterhaft vier Musikinstrumente“. Er habe nicht „vom Bettel“ gelebt, sondern von der Musik und von Gelegenheitsarbeiten. Karl sei humorvoll, äußerst gutmütig und ein Freund der Kinder gewesen.

Das gute Bild, das seine Schwester von ihm hatte, hat sich langfristig durchgesetzt. 1995 wurde die Baron-Karl-Gasse in Favoriten eingeweiht, und der Vagabund aus Favoriten gilt heute als Wiener Original.

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