Barack Obama in Berlin:Obama für alle

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Mit seiner Rede vor der Siegessäule muss Barack Obama zwei Lager bedienen: Die einen erwarten den Nachweis von Führungsstärke, die anderen ein neues Einfühlungsvermögen. Damit geht der US-Präsidentschaftskandidat ein Risiko ein.

Stefan Kornelius

Barack Obama stolperte vor wenigen Tagen in eine veritable außenpolitische Krise, als er Einwanderern nahelegte, nicht nur Englisch, sondern auch noch eine Fremdsprache zu lernen, Französisch zum Beispiel. Französisch, hallo? Da brummte und brauste es in der konservativen Blogger-Welt, und der Kandidat war genötigt, sich schleunigst zu erklären. Niemals habe er die Bedeutung des Englischen herabsetzen wollen, aber es sei doch wünschenswert, wenn die Kinder eine weitere Sprache lernten. Das sei doch eine Selbstverständlichkeit.

Barack Obama; AP

Obamas Gegner suchen nach einem Beweis dafür, "dass er keiner von uns ist".

(Foto: Foto: AP)

Nein, eine Selbstverständlichkeit ist das nicht in einem Wahlkampf, in dem die verwundete Nation Amerika sehr genau Ausschau hält nach dem Amerikanischen in ihren Kandidaten. Beim Republikaner John McCain, dem Kriegs-Veteranen, herrscht da wenig Zweifel. Barack Obama hingegen, der lange Zeit nicht mal eine US-Flagge als Anstecker am Revers trug, trifft die Patriotismus-Keule besonders gut. Nichts schadet in Texas oder in Tennessee mehr, als wenn ein Kandidat un-American ist, wenn er in den Verdacht gerät, ein vaterlandsloser Geselle zu sein. John Kerry, 2004 der Bewerber der Demokraten, erholte sich nie wieder von der Charakterisierung, die eines Tages über ihn verbreitet wurde: Der sieht französisch aus.

Viel Aufmerksamkeit im Ausland

Diese Geschichten muss man erzählen, um zu verstehen, auf welchem Hochseil Barack Obama in dieser Woche balanciert. Nachdem er ein halbes Jahr lang Amerika mit seinem Charisma und einem sensationellen Hoffnungsversprechen infiziert hat, will er nun das größte Defizit ausgleichen, das seine Biographie kennzeichnet: den Mangel an internationaler Erfahrung. Deswegen reist er nach Afghanistan, durch den Nahen Osten und nach Westeuropa, um zu Hause exakt diese Botschaft zu vermitteln: Nein, ich bin nicht unerfahren, ich werde sogar bejubelt und bringe Amerika Anerkennung und Respekt zurück.

Keinem Kandidaten in der jüngeren amerikanischen Geschichte wurde im Ausland so viel Aufmerksamkeit zuteil wie nun Obama. Er verkörpert die wohlwollende amerikanische Leitfigur, den sanften Großmächtigen. Ihm würde man sich wieder anvertrauen, ihm würde man folgen wollen in der Weltpolitik.

Diese gerade in Deutschland ausgeprägte Stimmung verlässt sich dabei mehr auf ein Gefühl, als auf belastbare Erfahrung. Das Gefühl muss allerdings nicht trügen, denn Obama ist in Person und Programm die Antithese zu George W. Bush, was die hohen Zustimmungswerte nicht unmaßgeblich begründet. Obamas Triumph erklärt sich auch aus Bushs Desaster-Präsidentschaft der vergangenen acht Jahre. Die Zustimmung zum Kandidaten steht im direkten Verhältnis zur Ablehnung des amtierenden Präsidenten. Und weil der Zorn auf Bush im Ausland größer ist als in den USA, brandet dort der Jubel umso lauter auf.

Aber ein schlechter Bush allein macht noch keinen guten Obama. Ein Politiker-Phänomen wie Obama erleben auch die Amerikaner nur einmal in einer Generation. Diese Ausnahmeerscheinung hat der amerikanischen Demokratie einen Vitalitätsschub verpasst, der die Europäer mit ihren festgefahrenen politischen Ritualen neidisch werden lässt. Wenn am Donnerstag Zehntausende unter der Siegessäule in Berlin Obama nahe sein wollen, dann geht es ihnen nicht um das Kleingedruckte im transatlantischen Wahlprogramm. Sie wollen das Charisma spüren, die Kraft der Worte und die Bedeutung von Politik. Der Auftritt Obamas verspricht einen politischen Schauder, den hierzulande kein Politiker erzeugen könnte - und sollte. Die Rolle des Tribunen überlässt man lieber einem Demokraten aus Washington.

Der freilich läuft auf dem Hochseil, weil er zwei Lager zu bedienen hat: das deutsche, das sich gerne selbst in diesem Amerikaner wiederfinden möchte und gar nicht unfroh darüber wäre, wenn ein sanfter, ja guter Hegemon die Geschäfte führte; und das amerikanische, das diesen leisen Zweifel an der patriotischen Grundhaltung und der außenpolitischen Eignung seines Kandidaten hat. Paul Begala, Strategieberater der Demokraten, sagt es ganz einfach: Die Gegner suchten nach einem Beweis dafür, ,"dass er keiner von uns ist". Die Sorge, die dabei zum Ausdruck kommt, soll heißen: "Von uns" kann er nicht sein, wo er doch von den Europäern so frenetisch bejubelt wird - von jenen Europäern, die nichts von den Gefahren der Welt verstehen, die keine Ahnung vom Terror haben und zwei Mal im letzten Jahrhundert von sich selbst befreit werden mussten.

Obama ist mit seiner Wahlkampf-Auslandsreise ein neues Risiko eingegangen. Er redet mit einer Zunge, aber sein Publikum ist gespalten und hört unterschiedliche Botschaften. In den USA wollen sie den Staatsmann sehen, in Deutschland den Amerikaner, der Europa versteht und die Welt von George Bush befreit. Die Amerikaner erwarten den Nachweis von Führungsstärke, gerade in einem Krieg. Die Europäer erbitten den Beweis für ein neues Einfühlungsvermögen, für mehr Verständnis. Es lohnt also, die Berliner Rede mit einem amerikanischen und einem deutschen Ohr zu hören. Dem Kandidaten bleibt indes nur eine Sprache, um sich in den entfremdeten Welten Gehör zu verschaffen.

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