Mit dem Wahlsieg beginnt der Ernst des Politikerlebens. Daran muss Tarique Rahman gedacht haben, als in der Nacht zum Freitag langsam, aber stetig die Ergebnisse der Parlamentswahl in seinem wenig entwickelten, islamisch geprägten Heimatland Bangladesch hereintröpfelten.
Rahman, 60, der Chef der Bangladeschischen Nationalisten-Partei (BNP), musste wie alle im Land lange warten bis zur Entscheidung. Es dauert eben, die Stimmen einer Nation mit 127 Millionen Wahlberechtigten auszuzählen. Aber die Zahl der BNP-Sitze wuchs schneller als die der anderen. Die einzige ernsthafte Konkurrentin, die Elfer-Koalition unter Führung der Islam-Partei Jamaat-e-Islami, hatte keine Chance.
Tarique Rahman sah, dass tatsächlich er der neue Premierminister von Bangladesch werden würde und damit der wichtigste Gestalter eines Neuanfangs nach langer autoritärer Herrschaft. Und er spürte wohl die Last. Über einen Sprecher ließ er seinen Anhängern ausrichten, sie sollten nicht öffentlich feiern, sondern nach dem Freitagsgebet lieber noch ein bisschen länger beten.
Ein neuer Aufbruch zu echten demokratischen Verhältnissen?
Bangladesch steht an einem Wendepunkt. Seit 1971 ist das Land am Ganges-Delta unabhängig. Gewaltsame Machtwechsel und rücksichtslose Interessenpolitik haben seine Geschichte geprägt. Im Juli 2024 beendeten dann Massenproteste die 15 Jahre währende Regierung der autoritären Premierministerin Sheikh Hasina. Und nun soll also ein neuer Aufbruch zu echten demokratischen Verhältnissen gelingen.
Der Start war einerseits nicht schlecht: Die Wahl verlief ohne größere Störungen. Die Stimmung war festlich, wenn auch begleitet von viel bewaffneter Polizei. Und das Referendum zu den Reformvorschlägen bekam das gewünschte Ja. Aber es gibt auch Zweifel. Hasinas Partei Awami-Liga war von der Wahl ausgeschlossen – das wirkte eher undemokratisch. Und die Übergangsregierung unter Friedensnobelpreis-Träger Muhammad Yunus, 85, betrieb den Wandel anscheinend eher nachlässig. Iftekhar Zaman, Direktor der Dhaka-Filiale von Transparency International, sagt: „Die Grundlagen für Reformen sind mangelhaft und brüchig.“
Noch immer leidet der Wahlsieger unter den Folgen der Folter
Umso wichtiger wird die Rolle des neuen Premierministers. Auf Tarique Rahman kommt es an, ob Bangladesch seiner Bevölkerung in Zukunft die nötigen Freiheiten gewährt oder ob einfach nur eine neue Ära des Machtmissbrauchs beginnt. Die Erwartungen sind hoch. Als Rahman im Dezember nach 17 Jahren aus dem Exil in London nach Dhaka zurückkehrte, empfingen ihn Hunderttausende wie einen Messias.
Tarique Rahman ist sozusagen eine Art BNP-Erbe im Machtkampf gegen die Awami-Liga. Sein Vater, der General und bangladeschische Ex-Präsident Ziaur Rahman, gründete die BNP 1978. Mit ihrem Bekenntnis zur islamischen Kultur Bangladeschs wurde sie zur Gegenspielerin der weltlichen Awami-Liga. Tarique Rahmans Mutter Khaleda Zia war zweimal Premierministerin, er selbst machte in der BNP Karriere.
Allerdings mündete Zias zweite Amtszeit 2006 in einer großen politischen Krise. Dass sie korrupt und autoritär sei, waren die Kernvorwürfe. Eine militärnahe Übergangsregierung übernahm. Khaleda Zia wurde festgenommen. Tarique Rahman auch. 18 Monate war er im Gefängnis. Er wurde dort wohl auch gefoltert.
In London hatte Rahman viel Zeit zum Nachdenken – und vielleicht hat ihn die britische Demokratie inspiriert
Dem Magazin Time hat er im Januar anvertraut, dass er deshalb heute noch in kalten Wintern Rückenschmerzen bekomme. Nach London sei er nach seiner Entlassung auf Kaution zunächst gereist, um sich medizinisch behandeln zu lassen.
Rahman bestreitet alle früheren Vorwürfe. Iftekhar Zaman sagt: „Es stimmt, dass die Vorwürfe gegen ihn politisch motiviert waren, aber es ist sehr schwer zu sagen, ob sie alle unbegründet sind.“ Time zitiert aus einem durchgesickerten diplomatischen Dokument der USA von 2008, in dem Rahman als „Symbol einer kleptokratischen Regierung und gewalttätigen Politik“ beschrieben wird.
Aber Fakt ist auch: Letztlich profitierte Sheikh Hasina von der politischen Krise, die Khaleda Zia und Tarique Rahman ins Gefängnis brachte. Von 2009 an regierte sie mit harter Hand, beschnitt Freiheitsrechte und bekämpfte Demonstrationen mit tödlicher Polizeigewalt – bis vor allem die Jugend es satthatte. Und jetzt gibt es fast keine Alternative zu Tarique Rahman.
Dass er die BNP so lange von London aus führen musste, dürfte ihm mehr Zeit zum Nachdenken gegeben haben. Möglicherweise hat ihn auch die alte britische Demokratie inspiriert. Im Wahlkampf hat er viele Versprechen gemacht für die Nation, die unter hoher Inflation, Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung ächzt. Er sagte zum Beispiel: „Kein Entwicklungsplan kann Erfolg haben, wenn wir die Korruption nicht in den Griff bekommen.“ Alles klang gut. Aber schöne Reden reichen jetzt nicht mehr. Tarique Rahman muss zeigen, dass er Bangladesch wirklich zum Besseren verändern kann.

