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Bangladesch:Krieg, Vertreibung, Corona

Coronavirus - Bangladesch

Ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde geht in Bangladesch durch das Flüchtlingslager Kutupalong, eines der größten Camps der Welt.

(Foto: Shafiqur Rahman/dpa)

Die Rohingya haben viel durchgemacht. Und nun ist das Virus in den Flüchtlingscamps angekommen, in dem sich eine Million Menschen auf engstem Raum drängen.

Es war nur eine Frage der Zeit. Seit Wochen schon sahen die Helfer diesen Moment kommen und nun ist der erste Fall von Covid-19 bestätigt: Ein junger Mann im Flüchtlingslager Kutupalong im Süden von Bangladesch hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Es ist, als würde damit nun eine neue Zeitrechnung beginnen in der Krisenzone an der Grenze zu Myanmar. Die Vertriebenen dort haben viel durchgemacht in den vergangenen Jahren. Krieg, Vertreibung, sexuelle Gewalt. Die Gefahr namens Covid-19 ist neu für sie. Und vor ihr können sie jetzt auch nicht mehr davonlaufen.

Das geht schon deshalb nicht, weil die riesigen Camps der geflohenen Rohingya, in denen sich eine Million Menschen auf engstem Raum drängen, weitgehend abgeschottet sind vom Rest des südasiatischen Staates Bangladesch. Armee und Polizei kontrollieren, wer sich hier hinein- und hinausbewegt. Rohingyas, die aus ihrer Heimat Myanmar flohen, weil sie dort verfolgt und als muslimische Minderheit diskriminiert werden, können sich in Bangladesch nicht frei bewegen.

Zu Beginn der Corona-Krise bot diese Isolation noch einen gewissen Schutz, doch nun, nachdem die Infektion die Lager erreicht hat, wird das Gefühl, gefangen und eingesperrt zu sein, noch stärker. Und es ist gibt kaum noch Platz zwischen den abgeholzten Hügeln entlang der Grenze. "Es ist nicht leicht, überhaupt noch Flächen für Isolationszentren zu finden", sagt der Inder Ram Das, Vize-Leiter der Hilfsorganisation Care in Bangladesch.

Seine Mitarbeiter haben in den Lagern Wasserleitungen gebaut und Toiletten, die Helfer betreiben außerdem Gesundheitsstationen. Es sind eingespielte Teams, die nun schon seit Wochen Schutzkleidung tragen, um die Risiken einer Übertragung zu minimieren. Innerhalb der Camps gelten strenge Beschränkungen seit der Covid-Krise, so wie im Rest des dicht besiedelten Landes auch. Das gemeinsame Beten in den Moscheen ist ausgesetzt, große Ansammlungen sind verboten. Dennoch klingt der Helfer Ram Das am Telefon beunruhigt. "Wo eine Million Menschen so dicht zusammenleben, muss man damit rechnen, dass sich so ein Virus sehr rasch ausbreitet."

Sind die Camps dafür gewappnet? "Es sind jetzt zwölf Isolationszentren eingerichtet", sagt Das. Es wird nun alles davon abhängen, wie schnell es gelingt, alle Kontaktpersonen aufzuspüren und rasch zu isolieren. In den labyrinthischen Welten der Rohingya-Camps ist dies eine sehr mühsame Aufgabe, aber essenziell, um jetzt einen großen Ausbruch einzudämmen. "Wenn das nicht gelingt, kann die Lage in den Camps schnell unbeherrschbar sein", warnt der Helfer von Care.

Seine Mitarbeiter spüren in den Lagern nun eine große Anspannung und Angst. Viele Informationen über Corona können sie sich nicht selber suchen. Der Staat hat den Internetempfang in der Gegend stark eingeschränkt. Das soll angeblich helfen, den Drogenschmuggel zu erschweren und Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden besser in den Griff zu bekommen. Aber auch ohne Mobilfunkempfang hat sich in den Camps herumgesprochen, dass es kein Heilmittel gibt gegen Covid-19.

© SZ vom 16.05.2020

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