Bangladesch:Die Geburt des Staates Bangladesch war blutig

Politische Gewalt ist den Menschen hier nicht fremd. Einst gehörte das überwiegend von Bengalen bevölkerte Ganges-Delta zu Britisch-Indien. Als die Kolonialherren 1947 abzogen, wurde ein Teil des Gebietes dem neuen Staat Pakistan als östliche Provinz zugeschlagen, weil dort, wie auch im Westen, mehrheitlich Muslime lebten. Viele zweifelten, dass die Religion als Klammer ausreichen würde, um ein so künstliches Gebilde, verteilt auf die Flanken Indiens, zusammenzuhalten. Und so brach bald auseinander, was nie zusammengehörte. 1971 löste sich der Osten Pakistans im Krieg vom Westen. Die Geburt des Staates Bangladesch war blutig.

Die Awami League kämpfte für die Loslösung und siegte mit Hilfe Indiens. Doch es gab auch Kräfte, die zu Pakistan hielten und das mit aller Brutalität durchsetzen wollten. Zahlreiche Anführer dieser Gruppen wurden kürzlich von einem Kriegsverbrechertribunal zum Tode verurteilt. Menschenrechtler begrüßten zwar den Versuch, Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber sie beklagten zugleich, dass mutmaßliche Täter keinen fairen Prozess bekamen. So nährt das historische Erbe der Spaltung bis heute die Konflikte im Land.

Es ist auch eine persönliche Fehde zweier mächtiger Frauen

Am schärfsten scheint der Hass ganz oben zu sein, wo sich die Chefinnen zweier Parteien belauern. Beide Frauen haben das Land schon mehrmals regiert. Zurzeit ist es Sheikh Hasina, die mit ihrer säkularen Awami League herrscht. Ihre Rivalin Khaleda Zia hat die umstrittenen Wahlen vor einem Jahr boykottiert. Sie ruft mit ihrer Bangladesh Nationalist Party (BNP) zur landesweiten Verkehrsblockade auf.

Bangladesch: Sheikh Hasina regiert in Bangladesch mit ihrer säkularen Awami League.

Sheikh Hasina regiert in Bangladesch mit ihrer säkularen Awami League.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Es ist eine sehr persönliche Fehde: Hasinas Vater, der einst den Unabhängigkeitskampf führte, wurde 1975 ermordet. Später dann kam der Mann von Khaleda Zia ums Leben, der die rivalisierende BNP gegründet hatte. Beide Frauen glauben, dass jeweils das Lager der anderen in die Attentate verwickelt war. Die Ermordung der Männer katapultierte die Frauen an die Macht. Das war kein Zeichen für mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern, sondern entsprang allein dynastischem Denken.

So regierte in Indien einst Indira Gandhi, in Pakistan war es Benazir Bhutto. Und in Dhaka belauern sich zwei Frauen, die es nicht einmal schaffen, ein vernünftiges Telefongespräch miteinander zu führen. "Der persönliche Zwist macht 90 Prozent des ganzen Problems aus", sagt Shahidul Alam, Kommunikationswissenschaftler an der Independent University. "Ohne Dialog kommt man in einer Demokratie aber nicht weiter." Im Schatten des Dauerduells versucht der radikale Islamismus, seinen Einfluss auszuweiten. Ende Februar haben Fanatiker den säkularen Blogger Avijit Roy niedergemetzelt, auf offener Straße. Der Schock sitzt tief bei vielen Menschen, die einem toleranten Sufi-Islam folgen und radikale Strömungen ablehnen.

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