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Bangladesch:Bis zum letzten Atemzug

Eine 18-Jährige wurde erst sexuell belästigt, dann lebendig verbrannt. Jetzt hat ein Gericht die Täter verurteilt.

Ein Gericht in Bangladesch hat 16 Todesurteile im Mordfall der Schülerin Nusrat Jahan Rafi verhängt. Die 18-Jährige aus dem Ort Feni war im April dieses Jahres von mehreren Angreifern lebendig verbrannt worden, nachdem sie Beschwerde gegen den Direktor ihrer Religionsschule wegen sexueller Übergriffe erhoben hatte.

Der grausame Fall löste heftige Proteste von Aktivisten im südasiatischen Küstenstaat aus, sexuelle Gewalt ist dort noch immer weitgehend tabuisiert in dem dicht besiedelten Land mit seinen 168 Millionen Bewohnern. Täter kommen meistens straflos davon, während die Opfer stigmatisiert werden und fürchten müssen, ihr Leben lang gedemütigt zu werden. Die Ermordung Nusrat Rafis rückte diese Abgründe erstmals ins breitere Licht der Öffentlichkeit.

Premierministerin Sheikh Hasina, die Bangladesch eisern regiert, drängte auf ein rasches Verfahren gegen die Täter. 14 der Verurteilten sind Männer, zu ihnen gehört der Schuldirektor, gegen den sich die Vorwürfe Rafis im Frühjahr richteten. Außerdem befand das Gericht zwei Mitschülerinnen für schuldig, an dem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. "Niemand kommt in diesem Land mit Mord davon", erklärte Staatsanwalt Hafeez Ahmed am Tag des Urteils. Verhandelt wurde der Fall vor einem Sondergericht für Gewalt an Frauen und Kindern, 62 Verhandlungstage waren dafür angesetzt.

Gemessen an den langen Verzögerungen, die in der Justiz von Bangladesch üblich sind, arbeitete das Gericht in diesem Fall sehr schnell. Zu schnell, wie der Anwalt des Schulleiters kritisierte. Nach seinen Aussagen sei nicht genug Zeit gewesen, den Fall ausreichend zu prüfen. Die Staatsanwaltschaft berief sich unterdessen auf zwölf Geständnisse der Täter, der Schuldirektor hatte bis zuletzt jede Schuld von sich gewiesen. Die Verteidigung kündigte Berufung an.

Auf perfide Weise in eine Falle gelockt

Nach Erkenntnissen des Gerichts hatten die Täter die 18-jährige Rafi auf perfide Weise in eine Falle gelockt. Schuldirektor Siraj Du Doula plante ihre Ermordung offenbar aus der Untersuchungshaft heraus, nachdem sich die Schülerin geweigert hatte, eine Beschwerde gegen ihren Lehrer zurückzuziehen. Die Familie hatte anonyme Todesdrohungen erhalten, wie die Zeitung Daily Star berichtete. Doch Rafi blieb standhaft.

Am 6. April, elf Tage nach den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen, lockten die Täter die junge Frau mit einem Trick auf das Dach ihrer Religionsschule und forderten erneut, sie solle ihre Vorwürfe fallen lassen. Als Rafi sich auch dieses Mal weigerte, packten sie mindestens vier Angreifer, alle in Burkas gehüllt. Die junge Frau wurde schließlich mit Benzin übergossen und angezündet. Die Täter flohen. Rafi konnte noch brennend die Treppe hinunterstolpern, wo es anderen Schülern gelang, die Flammen zu löschen. Sie wurde auf die Intensivstation eingeliefert, auf dem Weg zeichnete ihr Bruder noch eine Aussage von ihr auf seinem Mobiltelefon auf, in der sie offenbar auch Angaben zu den Tätern machte. Ein letztes Mal klagte sie auch ihren Lehrer wegen sexueller Übergriffe an. "Ich werde gegen dieses Verbrechen bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen." Vier Tage später starb sie auf der Intensivstation.

"Was hat sie falsch gemacht?", flehte ihre Mutter nach dem Tod der Tochter. "Sie wollte nur Gerechtigkeit und versuchte zu verhindern, dass der Direktor ein solches Verbrechen noch einmal begehen kann."

Nach Erkenntnissen der Menschrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) ist die Lage für Opfer sexueller Gewalt in Bangladesch noch immer desaströs, was an den Defiziten im Justizwesen, aber auch an sozialen Normen liegt, die betroffene Frauen auch noch stigmatisieren. Aktivisten beklagen, dass häufig einflussreiche Familienmitglieder von Verdächtigen dafür sorgen, dass die Polizei nicht mehr weiterermittelt oder Verfahren fallen gelassen werden. Die Verurteilungsrate in Vergewaltigungsfällen in Bangladesch ist laut HRW zuletzt sogar noch gesunken, 2016 betrug sie 0,5 Prozent, 2018 nur noch 0,3 Prozent. Einige Aktivisten hoffen nun, dass die harten Urteile gegen die Mörder Rafis abschreckend wirken, andere begrüßen das Verfahren, lehnen aber die Todesstrafe strikt ab. Verurteilte kommen für gewöhnlich in Haft, doch wenn das Opfer stirbt, droht ihnen die Hinrichtung.

© SZ vom 25.10.2019

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