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Bandenkriminalität in Mittelamerika:Im Sumpf der Gewalt

Eine tätowierte Träne pro getöteter Person: Mara-Banden terrorisieren in lateinamerikanischen Ländern ganze Landstriche - ein Filmemacher, der sich ihnen näherte, fand nun den Tod.

Sebastian Schoepp

"Es sind junge Menschen, die leiden, die uns hassen, die uns herausfordern. Sie erwecken die schlimmsten Albträume. Aber im Grunde sind sie der Ausdruck absoluter menschlicher Einsamkeit." So sprach der französisch-spanische Dokumentarfilmer Christian Poveda über die Maras - straff organisierte Jugendbanden, die Mittelamerika und Teile der USA seit Jahren mit brutalster Gewaltkriminalität terrorisieren.

Der erfahrene Kriegsreporter Poveda, 54, wagte, was sonst fast keiner wagt: Er näherte sich den Maras und drehte einen preisgekrönten Film über sie. Nun wurde er in El Salvador ermordet, nachdem er Drohungen von Maras erhalten hatte. Präsident Mauricio Funes reagierte schockiert. Er rief "alle Teile der Bevölkerung auf, sich der Gewaltwelle entgegenzustellen, die unser Land geißelt".

Die Maras haben sich für die armen Länder Mittelamerikas zum existentiellen Problem ausgeweitet. Sie kontrollieren ganze Landesteile, vergewaltigen, erpressen, morden und erledigen die Drecksarbeit für die Drogenhändler. El Salvador, Guatemala und Honduras haben mit die höchsten Mordraten der Welt.

Die Schuld liegt auch bei den USA

Aber auch in Einwanderervierteln in US-Städten stellen die Maras ein gewaltiges Sicherheitsrisiko dar. Gefürchtet sind sie an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko, wo sie Migranten überfallen. Auch in Madrid sind sie schon aufgetaucht. Das FBI stuft sie als "transnationale Super-Gangs" ein. Die US-Bundespolizei geht von 60.000 Maras aus, andere Quellen sprechen von 200.000.

Journalist Poveda sprach kürzlich in einem Interview mit der Los Angeles Times den USA eine direkte Mitverantwortung für die Existenz der Banden zu. Ihre Vorläufer entstanden in US-Vorstädten zu Zeiten der mittelamerikanischen Bürgerkriege der 80er Jahre, als Washington Diktatoren im Kampf gegen Guerilleros unterstützte. Mittelamerikaner flohen zu Hunderttausenden in die USA. Ihre Söhne schlossen sich zu Gangs zusammen, in Los Angeles entstand die berüchtigte Mara 18, benannt nach der 18. Straße.

Nach dem Friedensschluss in Mittelamerika begannen die US-Behörden, gefasste Bandenmitglieder, pandilleros, in ihre Herkunftsländer abzuschieben, wo sie weder Arbeit, Familie noch Halt fanden; und wenig Gegenwehr. Poveda sah in ihnen "die Antwort einer verlorenen Generation" auf die blutige Vergangenheit und die Aussichtslosigkeit ihrer Heimat. An El Salvador könne man ablesen, was unkontrollierte Globalisierung bringe.

Der Name Maras leitet sich ab vom Raubzug der Wanderameisen, Marabunta, die alles abfressen, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Maras verständigen sich in einem eigenen Slang aus Amerikanisch und Spanisch. Ihr Motto ist La Vida Loca, das irre Leben, so auch der Titel von Povedas Film.

Ihr Kennzeichen sind Tätowierungen, die Gesicht, Kopf und Körper bedecken und ein pervertiertes Wertesystem ausdrücken, in dem es darum geht, sich "Respekt" zu verschaffen - und zwar durch Gewalt. Tätowierte Tränen unter dem Auge stehen für Ermordete, für jeden Toten kommt eine hinzu.

Die meiste Gewalt fügen die Banden sich aber gegenseitig zu, Rivalin der Mara 18 ist die Mara Salvatrucha (ein abfälliges Wort für Salvadorianer), die auch Mara 13 heißt, weil sich männliche Neumitglieder einer 13-sekündigen Prügelorgie unterziehen müssen. Mädchen müssen Sex mit drei Bandenmitgliedern haben.

Jugendliche im Bann der Gangs

Aussteiger berichteten, sie seien zur Initiation gezwungen worden, den nächstbesten Passanten zu erstechen. Normalerweise verlässt man die Mara nur durch den eigenen Tod. Einzig radikale evangelikale Gruppen haben einen gewissen Erfolg dabei, Maras aus ihrem System zu brechen, in dem sie ihnen ein anderes, ebenso striktes entgegenhalten.

Die Regierungen haben versucht, mit harter Hand zu antworten, der frühere Präsident von Honduras, Ricardo Maduro, ließ das Militär gegen die Maras aufmarschieren, die seinen Sohn ermordet hatten. Gefüllt hat das jedoch nur die Gefängnisse, wahre Verbrechens-Hauptquartiere. Laut einer Untersuchung der Arias-Friedensstiftung ist es für Jugendliche in den Vorstädten von San Salvador, Tegucigalpa oder Guatemala-Stadt äußerst schwer, sich den Maras zu entziehen.

Auch Christian Poveda, vorher als Fotograf im Irak, in der Westsahara und im Libanon, verspürte eine "Gefangennahme" durch die schaurige Faszination die von den geheimbündlerischen clicas ausging, bei denen er anderthalb Jahre lebte. "Als ich sie verstanden hatte, hatte ich kein Problem mehr", sagte Poveda in einem seiner letzten Interviews. Am Mittwoch wurde er auf dem Rückweg von Recherchen im Bandengebiet mit vier Schüssen ins Gesicht getötet.

© SZ vom 04.09.2009/jhh
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