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Baltimores Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake:Gesicht der Hoffnung, Gesicht der Krise

Baltimore mayor Stephanie Rawlings-Blake speaks at church in Baltimore, Maryland

Baltimores Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake.

(Foto: REUTERS)
  • Baltimores Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake steht von allen Seiten in der Kritik.
  • Die 45-Jährige trägt mit unglücklichen Äußerungen zur Situation bei.
  • Ihre Politik gilt als nuanciert - Baltimore leidet auch unter den Folgen der Null-Toleranz-Strategie eines Vorgängers.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Diese Frau hat wenig zu gewinnen. Genauer gesagt hat Stephanie Rawlings-Blake, Bürgermeisterin von Baltimore, gerade viel zu verlieren.

Die 45-Jährige ist die einzige schwarze Bürgermeisterin in den 100 größten Städten der USA und galt bislang als Hoffnung der Demokraten. Nun ist die Krise der Stadt nach den Ausschreitungen vom Montag, bei denen 15 Polizisten verletzt und Geschäfte geplündert wurden, auch ihre eigene.

Die Bürgermeisterin habe das Ausmaß der Gewalt unterschätzt und zu spät reagiert, sagt die eine Seite. Kronzeuge dafür ist Gouverneur Larry Hogan. Er wisse nicht, warum Rawlings-Blake so "zurückhaltend" reagiert habe und bei einer Besprechung über die Verhängung des Ausnahmezustands am Montag nicht erreichbar gewesen sei. Aus der Polizei melden sich anonym Stimmen zu Wort, die dem Stadtoberhaupt trotz Dementi vorwerfen, äußerste Zurückhaltung angeordnet und damit indirekt die Beamten in die Schusslinie gebracht zu haben.

Kritik von beiden Seiten

Die Gegenseite wiederum ist der Meinung, die Afro-Amerikanerin schere sich zu wenig um die Belange der Demonstranten. Die Bürgermeisterin sei für die Gentrifizierung verantwortlich, lasse sich in den Problemvierteln nur selten blicken und habe im Fall von Freddie Gray zu spät Stellung gegen Polizeigewalt bezogen.

Dass Rawlings-Blake mit missverständlichen Äußerungen den Kritikern Munition lieferte, macht die Angelegenheit nicht einfacher: Als sich nach dem Tod Grays etwas zusammenbraute, sprach sie von einer Anweisung an die Polizei, "jenen Raum zu geben, die zerstören wollen." Später erklärte sie, die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Nachdem sie dann auf einer Pressekonferenz die Demonstranten als "Verbrecher" bezeichnete, fing sie sich heftige Kritik aus der schwarzen Community ein. Die Politikerin zog die Bezeichnung später zurück.

Wie so vieles in Baltimore ist auch die Politik eine unübersichtliche Angelegenheit: Unterschiedliche Interessengruppen mischen dort mit, Gefälligkeiten und überbordende Korruption waren lange Jahre Alltag. Dass Rawlings-Blakes Vorgängerin Sheila Dixon 2010 zurücktreten musste, weil sie Gutscheine für sozial benachteiligte Bürger selbst einlöste, spricht Bände. Genauso wie die Tatsache, dass Dixon als möglicher Gegenkandidatin bei den nächsten Bürgermeisterwahlen durchaus Chancen eingeräumt werden.

Früchte des Null-Toleranz-Zeitgeists

Die zurückhaltend agierende Rawlings-Blake wurde in Baltimore geboren und kennt den politischen Betrieb von Kindesbeinen an. Ihr Vater Howard "Pete" Rawlings war fast 25 Jahre ein einflussreicher Abgeordneter in Maryland. Sie selbst zog bereits Mitte 20 in die Stadtverwaltung ein und gilt als politisches Ziehkind von Martin O'Malley, dem ehemaligen Bürgermeister, späteren Gouverneur und designiertem (wie chancenlosem) Präsidentschaftskandidaten der Demokraten.

O'Malley gilt eigentlich als progressiv, doch als Bürgermeister bekämpfte er um die Jahrtausendwende die hohe Kriminalität mit einer knallharten Null-Toleranz-Politik, die damals in vielen Großstädten Mode war. In der Folge gingen zwar Schwerverbrechen zurück, doch ungeahndete Übergriffe, Gängelungen und Massenverhaftungen verschärften das Misstrauen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit gegenüber der Polizei extrem.

"Wir haben heute noch Menschen, die unter den Folgen leiden", klagte jüngst Marvin "Doc" Cheathem von der schwarzen Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in Anspielung auf die Vorstrafen, die viele Afroamerikaner aus dieser Zeit mit sich herumschleppen.

Keine Infrastruktur heißt: keine Perspektive

Rawlings-Blake versucht nun, das ihrer Aussage nach "kaputte Verhältnis" zu reparieren: Die Stadt zahlte fast sechs Millionen Dollar an Opfer von Polizeigewalt aus und leitete unabhängige Untersuchungen solcher Fälle ein. Rawlings-Blake setzte sich (erfolglos) dafür ein, in Maryland Amtsmissbrauch im Polizeidienst härter zu bestrafen. Gleichzeitig kritisiert sie immer wieder die Gewalt zwischen Schwarzen - ihr eigener Bruder kam 2008 beinahe bei einem Überfall durch zwei Afroamerikaner ums Leben.

Einfache Lösungen gibt es nicht: US-Bürgermeister sind in vielen Fällen vor allem Stadtverwalter, die finanziell von Zuschüssen ihres Bundesstaats abhängig sind. Baltimore erlebt wie viele Städte die Enstehung von Vierteln für Wohlhabende, während die aus der Zeit der Rassentrennung stammenden Schwarzen-Viertel weiterhin kaum Infrastruktur, Bildung und Jobs bieten. Egal ob Stephanie Rawlings-Blake diese politische Krise übersteht, die Perspektiven für ihre Stadt bleiben unverändert trostlos.

© SZ.de/mahu
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