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Kosovo:Europa per Trauschein

Vorteile wiegen schwerer als Tabus: Für ihren Traum von einem deutschen Pass lassen sich einige Kosovo-Albaner von ihren Frauen scheiden und heiraten - wenn auch nur vorübergehend - eine Ausländerin.

Jeton Musliu, Pristina, Kosovo

Zum vierten Mal hat die Robert-Bosch-Stiftung in diesem Jahr junge Journalisten aus den Balkan-Ländern zu einem Reportage- und Recherche-Wettbewerb ("Balkan Fellowship for Journalistic Excellence") eingeladen. Die Süddeutsche Zeitung ist Medienpartner des Wettbewerbs, der auch von der österreichischen ERSTE Stiftung getragen wird. sueddeutsche.de veröffentlicht die drei Gewinner-Texte.

Traditionelle Hochzeit in Kosovo

Traditionelle Hochzeit in Kosovo: Schminke soll Pech von der Braut fernhalten.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Vor dem Einschlafen blickt Valbona (35) aus Peja im Westen des Kosovo auf ihr Hochzeitsfoto, das vor 13 Jahren aufgenommen wurde. Neben ihr sieht sie ihren lächelnden Ehemann.

Heute bleibt ihr von diesem Moment nur noch die Erinnerung. Vor zwei Jahren heiratete ihr Ehemann eine deutsche Frau. Valbona, Mutter der gemeinsamen vier Kinder im Alter von vier bis elf Jahren, wusste nicht nur über dieses Vorhaben Bescheid, sie befürwortete es sogar.

Valbona ist in den Augen ihrer Familie und der Menschen in ihrem näheren Umfeld nämlich nicht wirklich geschieden. Viele Kosovo-Albaner lassen sich von ihren ersten Frauen in beiderseitigem Einvernehmen scheiden und machen sich nach Westeuropa auf, um neue Partnerinnen zu finden, die es ihnen ermöglichen, Aufenthaltspapiere zu erlangen.

Sie lassen ihre Kinder im Kosovo zurück, damit sie sich als Singles ausgeben und schnell wieder heiraten können. Sobald sie ein dauerndes Bleiberecht in Deutschland oder einem anderen EU-Land haben, lassen sie sich von ihren zweiten Ehefrauen scheiden, kehren zu ihren ersten zurück und holen die Familie in den Westen.

Deutschland ist für Kosovaren, die auf der Suche nach ausländischen Frauen und letzten Endes einem EU-Pass sind, ein beliebtes Ziel, da es dort bereits eine große Bevölkerungsgruppe mit albanischen Wurzeln gibt.

Die Frauen, die diese Kosovo-Albaner im Westen heiraten, glauben, den idealen, aufmerksamen Ehemann gefunden zu haben. Sobald diese Männer jedoch - nach fünf Jahren Ehe mit einer deutschen Staatsbürgerin - ein dauerhaftes Bleiberecht in ihrem Gastland haben, verlangen sie oft die Scheidung.

Valbona ist zuversichtlich, dass ihr Ehemann das Gleiche tun wird: Seine neue Frau nach drei weiteren Jahren verlassen und in den Kosovo zurückkehren, um sie und die Kinder in ein neues Leben im reichen Westen zu holen.

"Die Scheidung war schwierig, aber da wir beide wussten, welches Ziel wir damit verfolgen, fiel es uns etwas leichter", sagt Valbona, die - in Abwesenheit ihres Mannes - mit ihren Kindern zu dessen Brüdern ins Nachbarhaus gezogen ist.

Urlaub mit der alten Familie

Ohne, dass die deutsche Frau davon wusste, hat Valbona bereits einen Sommerurlaub mit ihrem Ex-Mann im Kosovo verbracht. Vorteile wiegen schwerer als Tabus.

Früher haben albanische Familien eine Scheidung nicht so einfach akzeptiert. Seit die Kosovo-Albaner jedoch entdeckt haben, wie nützlich es ist, eine Ausländerin zu heiraten, ist das Tabu vergessen.

Jeden Monat schickt Valbonas Ex-Mann Geld für die vier Kinder. Dies bedeutet in einem so armen Land wie dem Kosovo sehr viel, wo 40 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind und der durchschnittliche Monatslohn nur etwa 200 Euro beträgt.

Kosovaren, die nach Westeuropa ausgewandert sind, schicken jedes Jahr 530 Millionen Euro nach Hause. Diese Geldsendungen machen nach Angaben der Nationalbank Kosovos etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus. Sokol Havolli, ein leitender Bankangestellter, gibt an, dass 30 Prozent der kosovarischen Haushalte regelmäßig Geld von im Ausland arbeitenden Verwandten erhalten.

Vor dem Hintergrund solch wirtschaftlicher Not bemühen sich viele Menschen verzweifelt um das Recht, in Westeuropa zu leben und zu arbeiten.

Es ist jedoch schwierig, ein Visum für die Einreise in die EU zu erhalten. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn auf dem Balkan genießen die Kosovaren keine Reisefreiheit ohne Visum innerhalb des EU-Schengen-Raums. Eine Lockerung des Visa-Regimes steht auch nicht unmittelbar bevor.

Immer mehr Scheidungen

Es ist für Kosovaren fast unmöglich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, es sei denn, sie sind in Deutschland geboren oder kommen bereits als Kleinkind ins Land.

Jubel im Kosovo: Am 18. Februar 2008 feiern die Menschen die Unabhängigkeitserklärung ihres Landes in Pristina. Auf den erhofften Wohlstand warten viele bis heute.

(Foto: AFP)

Erwachsene Kosovaren können jedoch, ebenso wie andere Nicht-EU-Bürger, eine Niederlassungserlaubnis in Deutschland beantragen, wenn sie seit mehr als fünf Jahren legal im Land leben - normalerweise sind die Gründe dafür eine höhere Ausbildung oder die Heirat mit einem deutschen Staatsangehörigen.

Steigende Scheidungsrate

In der etwa 600.000 Einwohner zählenden kosovarischen Hauptstadt Priština wurden 2007 laut offiziellen Angaben 127 Ehen geschieden. Diese Zahl erscheint nach westeuropäischen Standards niedrig, für Kosovaren ist sie hoch. 2003 waren es in der Gemeinde von Priština noch 36 Scheidungen.

Parallel zur steigenden Anzahl an Scheidungen hat sich auch die Zahl der Eheschließungen mit ausländischen Staatsbürgerinnen, zumeist mit Westeuropäerinnen, erhöht. 2009 wurden von offizieller Seite in Priština 98 solcher Eheschließungen zwischen kosovarischen Männern und Frauen aus dem Western verzeichnet.

Shefqet Buqaj, ein Rathausbeamter, gibt zu, von Fällen zu wissen, in denen Kosovaren ihre einheimischen ersten Frauen nach der Scheidung von ihren ausländischen Partnerinnen wieder geheiratet hätten.

Die Möglichkeiten der Behörden, die Motive für eine Heirat mit einer Ausländerin zu prüfen, seien begrenzt, gesteht er. Wenn kosovarische Männer ihre ersten Frauen erneut heiraten wollen, so könne das Paar einfach angeben, sich wieder versöhnt zu haben.

Aber Buqaj betont, es werde nachgefragt, sollten die Motive für die Ehe eines Kosovaren mit einer ausländischen Frau zweifelhaft erscheinen. Ein besonders verdächtiger Fall betraf einen einheimischen Mann, der eine 15 Jahre ältere Ausländerin heiratete, erinnert er sich.

Solche Verbindungen sind im patriarchalischen Kosovo praktisch unbekannt: Dort verletzt die Heirat mit einer Frau, die mehr als zehn Jahre älter ist als ihr Ehemann, jede Tradition.

Doch Buqaj erklärt, dass sie keine guten Gründe finden konnten, die Heirat nicht zu gestatten. "Wir sprachen mit ihnen und kamen zu dem Schluss, dass es keine fiktive Ehe war", sagt er.

Einsame westliche Frauen

Auf Sonja, eine Deutsche aus Stuttgart, hatte es ein Kosovo-Albaner abgesehen, der nach einer Aufenthaltserlaubnis in Deutschland trachtete. Vor 13 Jahren heiratete die mittlerweile Dreißigjährige den aus der Gegend von Mitrovica im nördlichen Kosovo stammenden Albaner. Sonja fühlte sich geschmeichelt, als sie damals - gerade arbeitslos und etwas einsam - von einem gut aussehenden, schwarzhaarigen Mann, der ein paar Jahre älter war als sie, in einem Cafe in Stuttgart angesprochen wurde.

Sie hatte keine Ahnung, dass dieser angebliche Single in Wahrheit mit 18 Jahren im Kosovo geheiratet und, bevor er nach Stuttgart gekommen war, die Scheidung eingereicht hatte. Sie war sich auch nicht dessen bewusst, dass er nun auf der Suche nach einer deutschen Frau war, aus Gründen, die wenig mit Liebe zu tun hatten. Es wurde bald geheiratet, und Sonja begann eifrig Albanisch zu lernen und das bescheidene Leben einer kosovarischen Hausfrau zu führen - sie verließ zum Beispiel nicht mehr die Wohnung, um sich mit Freunden zum Kaffee zu treffen. Rückblickend sagt sie: "Ich wurde albanischer als jede albanische Frau."

Überraschenderweise verlangte Sonjas Ehemann nach fünf Jahren nicht die Scheidung. Offenbar, weil sie zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Sohn hatten, dessen Schicksal die Angelegenheit verkomplizierte. Sonjas Ehemann wollte sichergehen, das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn zu bekommen, bevor er sie verließ.

Sie ließen sich schließlich erst vor zwei Jahren scheiden, nachdem Sonja ihr Einverständnis gegeben hatte, ihren damals achtjährigen Sohn ihrem Ex-Mann zu überlassen. Dieser heiratete rasch wieder seine erste Frau und lebt jetzt außerhalb von Stuttgart mit ihr und Sonjas Sohn.

Sonja kennt die ganze Geschichte ihrer Ehe nicht, doch einige Kosovo-Albaner, die in der Nachbarschaft leben, wissen sehr wohl über die verborgenen Lebensumstände von Sonjas Ex-Mann Bescheid. Sie weiß nur, dass ihr Ex-Mann "eine albanische Frau ohne Papiere" ehelichte. Sie glaubt immer noch, aus Liebe geheiratet zu haben und versteht nicht, was falsch gelaufen ist.

Die Heiratsvermittler

Viele Kosovo-Albaner verteidigen das Vorgehen von Männern, sich im Ausland vorübergehend eine zweite Frau zu suchen, um ihre Perspektiven zu verbessern. Vladrin Hoxha, ein 23-jähriger Arbeitsloser aus Priština, meint, er würde dasselbe tun, wenn er könnte.

Durch Heirat Ansehen steigern

hoxha

Der 23-jährige Valdrin Hoxha ist einer jener jungen Männer aus dem Kosovo, die sich vorstellen könnten, sich von ihrer Frau scheiden zu lassen, um eine Westeuropäerin zu heiraten.

"Ich würde meiner Familie erklären, dass ich mich, sobald ich die EU-Dokumente hätte, von meiner ausländischen Frau scheiden lassen und ein kosovarisches Mädchen heiraten würde", sagt er mit Überzeugung. Vor einigen Jahren konnten sich Paare nur aus Gründen der Unfruchtbarkeit rechtmäßig voneinander trennen, sagt Hamdi Veliu (71) aus Polac, einem in der Mitte des Kosovo gelegenen Dorf.

"Wenn die Frau keine Kinder bekommen konnte, hatte sie zwei Möglichkeiten: sich scheiden lassen oder bleiben", erläutert er. "Entschied sie sich zu bleiben, musste sie akzeptieren, dass ihr Mann eine zweite Frau brauchte." Veliu sagt, er kenne Fälle, da lebten kosovarische Frauen irgendwo in Deutschland, während ihre Ehemänner an einem anderen Ort - und noch immer bei ihren deutschen zweiten Frauen - sind. "Solche Verhältnisse haben nichts mit unserer Tradition zu tun", beklagt er.

Veliu zufolge verleihe der Besitz der so wichtigen EU-Aufenthaltsdokumente den Männern im modernen Kosovo unermessliches Ansehen. Mit diesen Papieren könne sich ein Mann in seinen Vierzigern die einheimischen Mädchen aussuchen, auch wenn sie 20 Jahre jünger sind als er. Solche Männer nehmen oft den Dienst eines Heiratsvermittlers oder Dorfkupplers in Anspruch, um eine junge Braut zu finden.

Smajl Shatraj (60) aus dem im Zentrum des Kosovo gelegenen Dorf Llausha ist dieser Tätigkeit im Lauf der Jahre oft nachgegangen. "Jetzt, wo die meisten Mädchen im Ausland leben wollen, ist es viel einfacher geworden, Arrangements zu treffen", wenn der Mann EU-Dokumente habe, sagt er.

In früheren Zeiten, fügt er hinzu, wählte man Paare aus, die ungefähr gleich alt waren und die zueinander zu passen schienen. Heute ist das wichtigste Kriterium, ob der zukünftige Mann die richtigen Dokumente hat. "Sie schieben die Tradition aus Interessensgründen beiseite", seufzt er.

Tatsächlich sind gemischte Ehen - und insbesondere Ehen zum Zwecke der Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven der Männer - bei den Kosovaren keine völlige Neuheit. Früher wurden diese Ehen für gewöhnlich innerhalb des alten jugoslawischen Staates geschlossen. Kosovarische Männer heirateten normalerweise Serbinnen, da man diese als Teil der mächtigsten Volksgruppe des ehemaligen Jugoslawiens betrachtete.

Der europäische Traum

Der katholische Priester Don Shan Zefi, der in Pristina arbeitet, hält die Ehe für unantastbar.

"Durch eine Heirat im ehemaligen Jugoslawien konnte man soziales Ansehen gewinnen", sagt Anton Berishaj, Professor für Soziologie an der Universität von Priština. Ein wichtiger Unterschied zwischen diesen Ehen und jenen, die heute mit Deutschen geschlossen werden, ist, dass die Männer keine Motivation hatten, sich von ihren Frauen nach einer gewissen Zeit scheiden zu lassen. Sie blieben zusammen und zogen oft in die jugoslawische Hauptstadt Belgrad.

Einige, wie etwa die Selimis, leben immer noch gemeinsam dort. Doch während eine albanisch-serbische Ehe in den sechziger und siebziger Jahren soziale Vorteile brachte, ist das heute, nach dem Zerfall Jugoslawiens, der Unabhängigkeitserklärung Kosovos und den sich verschlechternden serbisch-albanischen Beziehungen im Allgemeinen, bei weitem nicht mehr der Fall. "Heute leben diese Paare mit einem Stigma", so Professor Nada Raduski vom Demografischen Forschungszentrum in Belgrad.

Der Soziologie-Professor Anton Berishaj kritisiert kosovarische Männer, die Ausländerinnen heiraten, um ein dauerndes Bleiberecht im Westen zu bekommen, scharf: "Eine Doppelehe, in der einer der Partner nicht alle Umstände kennt und die Familie so tut, als würde nichts passieren, ist weder human, moralisch noch korrekt." Führende Vertreter sämtlicher großer Glaubensrichtungen im Kosovo verurteilen diesen Trend ebenfalls vehement. Die meisten Kosovo-Albaner sind Muslime, aber es gibt auch eine kleine katholische Minderheit. Die Geistlichen beider Religionen betrachten die Ehe als unantastbar. "Die Ehe ist von Dauer und nicht zeitlich beschränkt; sie ist für die Ewigkeit", erklärt Bedri Syla, ein Imam aus dem im Zentrum des Kosovo gelegenen Skenderaj. Der Imam betrachtet so genannte "Scheidungen", die in erster Linie dem Erlangen von Dokumenten dienen, als Verhöhnung und Sakrileg.

"Das sind Spiele, an denen Familien und die Moral zerbrechen", sagt er und zitiert Verse aus dem Koran. Solche Taten seien im Islam nie zu rechtfertigen, fügt er hinzu, ungeachtet der potenziellen Vorteile. Das sagt auch Don Shan Zefi, ein katholischer Priester in Priština: "Ehen wie diese sind vom moralischen, psychologischen und rechtlichen Standpunkt her unzulässig."

"Das Opfer lohnt sich"

Der 40-jährige Agron ist jedoch der Meinung, dass es sich auszahlt, bei Moral und Tradition Abstriche zu machen, um den europäischen Traum zu leben. Der Grabsteinmetz lebt jetzt mit seiner ersten Frau in einem Dorf etwa 30 Kilometer von Stuttgart entfernt - nachdem er den langen und schwierigen Scheidungsprozess von seiner deutschen zweiten Frau hinter sich gebracht hat, um seine kosovarische erste Frau wieder zu heiraten.

Agron versucht, die Tatsache zu vergessen, dass er seine erste Frau und ihre gemeinsamen Kinder während der fünf Jahre, in denen er mit einer Deutschen verheiratet war, im Kosovo zurücklassen musste. "Das Opfer lohnt sich, solange du deine [erste] Frau und deine Kinder im Kosovo nicht vergisst", behauptet Agron. "Für mich ist hier zu leben wie im Paradies", ergänzt er und meint damit das kleine deutsche Dorf, das jetzt seine Heimat ist.

Um in ein ähnliches "Paradies" zu kommen, müssen Valbona und ihre vier Kinder noch mindestens drei weitere Jahre warten. In ihrer Vorfreude auf das neue Leben im Ausland kümmert sie die Nationalität der Ausländerin, mit der ihr Mann zurzeit verheiratet ist, nicht - solange sie am Ende auch in den Westen kommt. "Es ist mir einfach egal", sagt sie. "Die katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse haben uns dazu gezwungen."

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, einer Initiative der Robert Bosch Stiftung und ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN).

© sueddeutsche.de/csc/mati
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