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Bakterien:Begraben in Spitzbergen

Forscher haben nun auch am Polarkreis gegen Antibiotika resistente Gene im Boden gefunden. Wie kommen die dahin? Sind sie Zeichen einer neuen globalen Bedrohung - oder harmlos?

Von Kathrin Zinkant

Es gibt nur noch wenige Orte auf dieser Welt, die der Mensch durch seinen zivilisatorischen Fußabdruck nicht dauerhaft entstellt hätte. Die norwegische Tundra um Ny-Ålesund auf Spitzbergen ist so ein verlassenes Fleckchen Erde. Karg, kalt und wild ist das Land hier. Und auch wenn ein paar Dutzend Wissenschaftler und manchmal sogar Touristen in den wenigen Häusern eines kleinen Dorfs ausharren: Die Küste des Kongsfjord ist fest in der Hand hungriger Eisbären. Mit ihnen muss man hier rechnen. Aber mit Spuren einer globalen Gesundheitsbedrohung durch Medikamente?

Damit wohl auch. Das hat ein Forscherteam erst vor Kurzem in einem Fachjournal nachgewiesen. Der arktische Boden von Spitzbergen birgt nämlich ein beeindruckendes Horrorkabinett von Antibiotikaresistenzen. 131 verschiedene genetische Spuren bakteriellen Widerstands haben die Biologen hier ausgemacht, darunter eine der gefürchtetsten Resistenzen überhaupt - nach Ansicht der Autoren ein "Beweis für die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in internationalem Maßstab". Zugvögel sollen die Relikte medizinischen Versagens hier eingeschleppt haben. Von weit, weit her.

Nur fünf

Lediglich fünf Antibiotika wurden in den vier Jahren zwischen 2013 und 2016 in den USA neu zugelassen. Im selben Zeitraum dreißig Jahre zuvor waren es noch 16. Der Rückgang hat mehrere Gründe: Neue Antibiotika sind schwer zu entdecken, nur 1,5 Prozent der entwickelten Medikamente kommen auf den Markt. Wegen der hohen Kosten und geringen Erfolgsaussichten investieren nur wenige Pharmafirmen in die Forschung. 2018 nahm deshalb auf deutsche Initiative hin eine Koordinierungsstelle in Berlin ihre Arbeit auf, die die Entwicklung neuer Antibiotika global bündeln soll.

Und das ist längst nicht alles. Anfang dieser Woche hat ein Forscherteam mit deutscher Beteiligung berichtet, dass sich Antibiotikaresistenzen in Aquakulturen viel schneller verbreiten als bislang angenommen. In wenigen Wochen wird "Resistance Fighters" auf Arte ausgestrahlt, ein apokalyptischer Film über gefährliche Keime, in dem Experten von drohenden Katastrophen, der Macht der Wirtschaft und Verbrechen sprechen - und in dem der britische Ökonom Jim O'Neill die monströse Zahl von zehn Millionen Toten pro Jahr durch antibiotikaresistente Bakterien nennt. Es ist eine Ziffer, die erstmals 2016 die Welt in Angst und Schrecken versetzte, als O'Neill einen Report zur bakteriellen Lage vorlegte. Seither wird sie immer genannt, wenn es um die Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen geht und um Infektionen, die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind.

Superkeime finden sich überall - sogar in Lebensmitteln

Tatsächlich finden Bakterien viele Auswege, um sich dem pharmakologischen Zugriff zu entziehen. Sie spalten die Arzneistoffe, sie pumpen sie aus ihren Zellen hinaus oder verändern ihre Struktur, sodass die Antibiotika nicht mehr ansetzen können. Die bakteriellen Waffen gegen die Medizin entstehen durch Mutationen und sind oft auch noch mobil. Bakterien tauschen sie untereinander aus, sie rüsten sich gegenseitig gegen die Medikamente. Es entstehen Superkeime, die nicht nur gegen ein Antibiotikum gewappnet sind, sondern gleich gegen mehrere, manchmal sogar gegen die letzten Reserve-Arzneien. Und die "superbugs"sind offenbar überall. Ihre Spuren finden sich in Badegewässern, in Kanalisationen, in Tierställen, auf Lebensmitteln, in Krankenhäusern - und nun also sogar im Boden der norwegischen Tundra, jenseits des Polarkreises. Ist die Welt endgültig und vollständig von den gefürchteten Keimen verseucht?

"Ich kann verstehen, wenn eine solche Nachricht die Menschen erschreckt", sagt Sebastian Haller. Als stellvertretender Leiter des Fachgebiets Krankenhausinfektionen und Überwachung von Antibiotikaresistenz am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) ist er wie alle seine Kollegen besorgt, dass immer neue Häufungen von Resistenzen in einzelnen Bakterienarten auftreten, mit der Folge, dass tatsächlich immer mehr Therapien versagen. Zwar gibt es Anzeichen dafür, dass die seit vielen Jahren diskutierten multiresistenten Staphylokokken, kurz MRSA genannt, inzwischen auf dem Rückzug sind. Insgesamt nimmt die Zahl der Infektionen mit anderen resistenten Erregern aber weiter zu (Bericht unten). Von Panikmache hält der Arzt und Naturwissenschaftler trotzdem wenig. Und zu dieser Panikmache gehören für ihn auch die oft zitierten zehn Millionen Menschen, die 2050 jährlich an antibiotikaresistenten Bakterien sterben sollen. "Solche Projektionen gehen von übertriebenen Annahmen aus", sagt der Experte.

Multiresistente Keime

Viele Klinikpatienten werden in Deutschland auf multiresistente Keime vom Typ MRSA getestet. Tatsächlich bereiten andere Keime inzwischen größere Probleme.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

"Antibiotikaresistenzen sind älter als der Mensch und sehr viel älter als Penicillin und seine Nachfolger", erklärt Haller. Das gilt sehr wahrscheinlich auch für einige moderne Resistenzen. Zum Beispiel jene gefürchtete Resistenz, die in Spitzbergen aufgetaucht ist. Der Patient, in dem sie zum ersten Mal entdeckt wurde, kehrte Anfang 2008 mit Infektionen der Haut und Blase aus Delhi nach Schweden zurück. Ein Antibiotikum nach dem anderen versagte. Dann kamen die Ärzte einer bislang unbekannten Mutation auf die Spur, sie fanden sie sogar in mehreren verschiedenen Bakterienarten im Körper des Mannes. Sie stuften die Resistenz als neu ein und stellten ihr entsprechend ihrer vermeintlichen Herkunft das Präfix Neu-Delhi voran. "Es gibt aber Hinweise, dass diese Resistenz schon sehr viel früher existiert hat", sagt RKI-Experte Haller. "Die Idee, dass diese Gefahren neu entstehen und sich dann sehr schnell ausbreiten, führt deshalb etwas in die Irre."

So sind antibiotikaresistente Bakterien nicht vergleichbar mit pandemischen Viren. Die Viren können, sobald sie einen Wirt gefunden haben und sich in seinen Zellen rasant vermehren, in kurzer Zeit sehr viele Menschen weltweit infizieren oder sogar töten - um dann wieder zu verschwinden. Wie zum Beispiel 2002 bei der Pandemie des schweren akuten respiratorischen Syndroms - Sars. Bakterien aber vermehren sich im Gegensatz zu Viren eigenständig und bilden durch Mutationen rein zufällig und immer wieder neu mögliche Resistenzen - und zwar seit jeher. "Man hat selbst im Permafrost und in Tiefseebakterien Antibiotikaresistenzen gefunden", sagt Sören Gatermann, der an der Ruhr-Universität in Bochum das Nationale Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger leitet, eine wichtige Untergruppe von Keimen.

"Das Verbreitungsproblem ist eher ein lokales als ein globales."

Resistenzen sind also allgegenwärtig und sogar natürlich. "Erst unter dem Druck eines Antibiotikums oder gar mehrerer Wirkstoffe setzen sich resistente Bakterien gegen ihresgleichen durch", sagt Gatermann. Wobei auch das düsterer klingt, als es ist: Hinter manchen Bezeichnungen wie zum Beispiel den aktuell viel diskutierten MRGN (Multi-Resistente Gram-Negative), verbirgt sich nicht ein einziger gefährlicher Keim, sondern ein sehr große Gruppe sehr unterschiedlicher Bakterien. Viele davon kommen natürlicherweise im Körper vor und richten, ob nun mit oder ohne Resistenzen, nicht automatisch Schaden an. Einige dieser Bakterien sind jedoch besonders gute Resistenzsammler, die bei stark geschwächten Patienten dann verheerende Infektionen auslösen könnte. Dazu zählt der Krankenhauskeim Acinetobacter baumannii, der auch in Deutschland schon auf Intensivstationen wütete.

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Pseudomonas aeruginosa ist mit seinen Flagellen besonders hübsch - und doch gefürchtet. Der Umweltkeim ist häufig multiresistent.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Dass all diese Gefahren erst aus dem fernen Ausland wie Indien oder China eingeschleppt werden müssten, ist allerdings falsch. "Das Verbreitungsproblem ist eher ein lokales als ein globales", sagt Haller; die meisten Übertragungen passieren im Krankenhaus. Auch der Anteil des Antibiotikamissbrauchs in der Massentierhaltung werde oft überschätzt, weil dort zwar viele problematische Resistenzen entstehen, diese aber eher selten auf Menschen übertragen werden. Für Menschen gefährliche Multiresistenzen entstehen Haller zufolge überwiegend in den Menschen selbst. Jede Einnahme von Antibiotika fördere Resistenzen. Ganz besonders rasch, wenn die kostbaren Medikamente in falscher Dosierung oder über falsche Zeiträume eingenommen werden. Und das geschieht eben auch in den USA und in Europa: In der EU werden Jahr für Jahr insgesamt mehr als 300 000 Infektionen registriert.

Auch für den Mikrobiologen Gatermann ist deshalb entscheidend, den Einsatz von Antibiotika europa- und weltweit zu optimieren und auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Es ist sicher nicht die einzige nötige Strategie, um Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Alternative Behandlungsoptionen, Hygiene, Bildung können die Folgen der Prasserei mit Antibiotika mildern. Doch gerade das Beispiel Spitzbergen zeigt eigentlich, dass der Mensch vor bakteriellen Resistenzen nie und nirgends sicher sein wird. Er muss lernen, mit ihnen umzugehen. Je eher Antibiotika deshalb zum Sonderfall statt zur Regel werden, desto besser.

© SZ vom 23.02.2019

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