Bahnstreiks Kräftemessen am Gleis

Gewerkschaft könnte Fahrgäste im Arbeitskampf verärgern.

Von Henrike Roßbach

Man konnte damit schwerlich rechnen: Ausgerechnet die kampfeslustigen Lokführer wollen in dieser Bahn-Tarifrunde den Weihnachtsfrieden wahren und verkünden große Freude: "Wenn, dann rappelt die Kiste im neuen Jahr." Nur leider nutzt das den Fahrgästen nichts. Denn da ist ja noch die andere Bahngewerkschaft, die EVG, und die hat den Verhandlungstisch vorerst verlassen und zu Warnstreiks aufgerufen. Den Auftakt zur dritten Adventswoche dürften deshalb nicht wenige Reisende wartend am Bahnsteig erleben.

Wer derzeit mit dem Zug reist, muss immer damit rechnen, dass irgendetwas schiefgeht. Ja, es gibt sie, die reibungslose Bahnfahrt von Hamburg nach München. Zu oft aber sind die Züge zu voll, zu spät oder sie fallen ganz aus. Die Bahn weiß, dass sie neben mehr funktionierenden Fahrzeugen auch mehr Personal braucht. 20 000 neue Kollegen waren die Zielmarke für dieses Jahr. Vor diesem Hintergrund beteuert die Bahn regelmäßig, dass sie gar nicht anders könne, als ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Das weiß die EVG.

Stellwerk

Von diesem Montag an will die Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft (EVG) streiken - der Aufruf richtet sich in erster Linie an Beschäftigte in den Stellwerken. Etwa 3000 solcher Schaltstellen gibt es bundesweit, dort arbeiten mehr als 12 000 Fahrdienstleiter. Sie steuern Weichen und Signale und sorgen so für einen reibungslosen Zugverkehr. Nur etwa 13 Prozent der Stellwerke in Deutschland werden am Computerbildschirm elektronisch gesteuert. Der Großteil sind sogenannte Drucktastenstellwerke. Hier sind die Elemente, für die ein Fahrdienstleiter auf einem Streckenabschnitt zuständig sind, auf einem Stelltisch schematisch so angeordnet, dass sie der echten Strecke entsprechen. Drückt der Fahrdienstleiter die entsprechende Taste, springt an der Strecke das Signal um. Gut ein Viertel der Stellwerke wird sogar noch ganz mechanisch betrieben. Hier müssen die Weichen von Hand mit großen Metallhebeln oder über Drahtzüge verstellt werden. Die so kontrollierten Streckenabschnitte sind naturgemäß nicht länger als 1800 Meter. Das Bahnnetz in Deutschland ist Stück für Stück gewachsen, und weil jedes Stellwerk als Unikat gilt, können Fahrdienstleiter nicht so einfach von Stellwerk zu Stellwerk geschickt werden. Streiks an diesem neuralgischen Punkt treffen die Bahn deshalb besonders hart. Annette Zoch

Tarifverhandlungen sind ein Kräftemessen, und derzeit fühlt sich die Gewerkschaft wie frisch aus dem Höhentrainingslager. Sie trifft aber auf einen schwächelnden Konzern und stark überstrapazierte Kunden. Kraftmeierei kann sich da noch bitter rächen.