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Bahn-Chef Grube im Interview (Teil I):Die Idee von K21, dem Kopfbahnhof, ist ein Phantom

SZ: Finden Sie die Sturheit von Ministerpräsident Mappus angemessen?

Grube: Ich rede viel mit ihm. Er ist genauso besorgt wie ich. Nur sagt er natürlich auch: Wir haben hier einen Beschluss, der uns bindet.

SZ: Sie würden Herrn Mappus also nicht zu einem zeitweisen Baustopp raten?

Grube: Nein. Wir sind mittlerweile zwischen die Fronten der Wahlkampfstrategen geraten. Die Grünen beispielsweise wollen das Thema möglichst in die Landtagswahl hineinziehen, damit sie ihre Version der Dinge, dass nämlich das Projekt noch umkehrbar ist, aufrechterhalten können.

SZ: Und, ist es nicht mehr umkehrbar?

Grube: Nein. Die Idee von K21, dem Kopfbahnhof, ist ein Phantom, eine Illusion. Das Konzept funktioniert nicht, weil es schlichtweg nicht existiert. Der neue Durchgangsbahnhof unter der Erde ist ein wichtiger Baustein im europäischen Fernverkehrsnetz. Deutschland hat sich dazu schon vor 15 Jahren international verpflichtet. Der heutige Bahnhof und das Gleisvorfeld sind in keinem guten Zustand, die ICEs schleichen rein und raus. Wir wollen doch mehr Schienenverkehr. Stuttgart21 ist eigentlich ein durch und durch grünes Projekt.

SZ: Ihre Gegner sind nicht überzeugt. Wie soll es jetzt weitergehen?

Grube: Wir müssen deeskalieren. Ich appelliere an alle: Lasst uns reden, die Fakten müssen auf den Tisch!

SZ: Was würde das aus Sicht der Gegner bringen? Sie wollen ja in jedem Fall weiterbauen. Wo ist da Raum für Kompromisse?

Grube: Es gibt immer einen Kompromiss. Beim Umbau des Bahnhofs selbst ist zwar nichts mehr zu machen, weil eine Änderung des bereits genehmigten Planfeststellungsverfahrens uns mindestens zehn Jahre zurückwerfen würde. Aber es gibt zum Beispiel noch viele städtebauliche Gestaltungsmöglichkeiten.

SZ: Was genau meinen Sie?

Grube: Na, wir gewinnen durch die Tieferlegung des Bahnhofs 100 Hektar neue Stadt. Das entspricht einem Drittel der Fläche von Stuttgart. Das kann man doch wunderbar gestalten. Es entstehen langfristig 10000 neue Arbeitsplätze. Wir wollen Arbeiten, Wohnen und Einkaufen so kombinieren, dass Stuttgart zu einem Leuchtturmprojekt wird.

SZ: Leuchtturm wofür?

Grube: Wir könnten Gebäude bauen, die alle eine Grünfläche auf dem Dach haben. Wir könnten nur noch Elektroautos erlauben, in die Stadt zu fahren. Wenn der Wille da ist, könnte Stuttgart zu einer CO2-Vorbildstadt werden.

SZ: Und wenn Ihre Vision kein Gehör findet? Wenn die Situation weiter eskaliert? Wann fallen Sie um?

Grube: Ich falle nicht um. Ich bin sicher, dass Stuttgart 21 verwirklicht wird. Vermutlich können wir in zehn Jahren Einweihung feiern. Es gibt ja Vorbilder.

SZ: Was meinen Sie?

Grube: 1996, als ich nach Stuttgart kam, waren 30 000 Demonstranten gegen die neue Messe. Heute gibt es niemanden mehr, der sich gegen die Messe stellt. Das ist ein Beispiel, wo anfängliche Skepsis sich als falsch erwiesen hat.

SZ: Sie setzen aufs Aussitzen?

Grube: Nein, nicht aufs Aussitzen: aufs Umsetzen! Ich sage Ihnen: Wenn Stuttgart 21 nicht kommt, wird in Deutschland wahrscheinlich kein Großprojekt mehr durchzusetzen sein.

© SZ vom 02.10.2010/pfau

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