"Bagdads Waffen waren nicht der wichtigste Kriegsgrund"

"Aus bürokratischen Gründen" habe sich die US-Regierung auf dieses Thema konzentriert, weil es "der eine Grund war, dem jeder zustimmen konnte", räumte Wolfowitz ein.

Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz hat eingeräumt, dass die Frage irakischer Massenvernichtungswaffen in erster Linie aus politischen Gründen für einen Krieg im Irak genutzt wurde. Die Massenvernichtungswaffen Bagdads seien niemals der wichtigste Kriegsgrund für die USA gewesen, sagte Wolfowitz dem britischen Magazin Vanity Fair.

Paul Wolfowitz

(Foto: dpa)

"Aus bürokratischen Gründen" habe sich die US-Regierung auf dieses Thema konzentriert, weil es "der eine Grund war, dem jeder zustimmen konnte", sagte Wolfowitz dem Magazin.

"Fast unbeachtet, aber riesig" sei dagegen der Kriegsgrund gewesen, dass mit dem Irak-Krieg die Präsenz von US-Truppen im benachbarten Saudi-Arabien überflüssig geworden sei. Allein die Beseitigung dieser "Belastung" von Saudi-Arabien werde zu einem friedlicheren Nahen Osten führen, fügte der Vizeminister hinzu.

In einem Interview mit der Washington Post sagte der konservative Politiker später, es habe immer mehrere Gründe für den Krieg gegeben. So habe er auch in Vanity Fair erklärt, dass Präsident Bush vor allem über die Verbindung zwischen Massenvernichtungswaffen und Terrorismus besorgt gewesen sei.

"Lügen, Lügen, Lügen"

Die Äußerungen Wolfowitz' lösten in Großbritannien, das am Irak-Krieg teilgenommen hatte, helle Empörung aus. "Lügen, Lügen, Lügen", titelte am Freitag der Daily Mirror, und vom rechten Daily Telegraph bis zum linken Guardian sah die Presse eine "Glaubwürdigkeitskrise" von Premier Tony Blair.

"Der ganze Krieg war auf Unwahrheit gebaut, die britische Demokratie wird langfristig Schaden nehmen", sagte der Labour-Veteran Tony Benn. Linke Parteirebellen forderten, Blair müsse sich vor dem Parlament verantworten.

Hinzu kommen Berichte, wonach ein vor dem Krieg veröffentlichtes Dossier über die Gefährlichkeit Saddam Husseins von Blair absichtlich dramatisiert worden ist. Gegen den Willen der Geheimdienste, auf deren Informationen der Bericht beruhte, habe Blair im Vorwort geschrieben, einige der irakischen Massenvernichtungswaffen könnten innerhalb von nur 45 Minuten einsatzbereit sein.

Die oppositionellen Liberalen verlangten eine parlamentarische Untersuchung. Am Freitag spielte ein namentlich nicht genannter Staatssekretär den Ball zurück, indem er dem Independent sagte, falls tatsächlich keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden sollten, wäre dies "das größte Versagen der britischen Geheimdienste überhaupt".

Ein verärgerter Blair bestritt am Freitag alle Vorwürfe. Er habe "keinen Zweifel" am Wahrheitsgehalt der von den Geheimdiensten vorgelegten Beweise. "Die Vorstellung, dass wir von unseren Geheimdiensten verlangt hätten, irgendwelche Beweise zu erfinden, ist völlig absurd", sagte Blair.

Es gebe "keinen Zweifel" daran, dass der Irak ein chemisches, biologisches und nukleares Waffenprogramm habe; dies sei von den Vereinten Nationen "hinreichend belegt". Doch die Kriegsgegner in Großbritannien sehen sich nun bestätigt. Sie hatten immer schon gesagt, die Bedrohung für den Weltfrieden durch Saddam sei mit Vorbedacht übertrieben worden.

Als Regierungschef dürfte Blair wegen des Krieges im Irak nicht in Gefahr sein, denn längst bestimmen Euro-Beitritt und EU-Verfassung die Diskussion auf der Insel - doch der Druck auf Blair nimmt wieder zu.