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Wahlsieger Winfried Kretschmann:Japan war die Rettung für die Grünen

Wenn es auch Nils Schmid an irgendetwas nicht mangelt, dann an Ernsthaftigkeit. Er ist ein Einser-Abiturient und ein Prädikatsjurist, er ist promoviert und sieht auch mit 37 Jahren noch aus wie ein Musterschüler: Selbst zur Menschenkette gegen die Atomkraft vor zwei Wochen kam der parteiübergreifend anerkannte Finanzexperte in Anzug und Krawatte auf den Stuttgarter Schlossplatz. Als er 1997 für den verstorbenen Erstkandidaten in den Landtag nachrückte, war er der jüngste Abgeordnete in der Geschichte. Er war das "Männle", und so richtig hat er dieses Etikett erst im Laufe dieses Wahlkampfs abgelegt. Am Ende hat er mehr Zuversicht ausgestrahlt als Kretschmann - seine SPD war ja stets zweite Kraft im Land hinter der CDU gewesen.

Kretschmann dagegen, seit 2002 Fraktionschef, bemühte sich auf der Zielgeraden um die Vermeidung von Euphorie mindestens genauso wie um den Sieg. Er wollte nicht klingen wie einer, der bereitwillig profitiert von einer Katastrophe. Erst der Streit um Stuttgart 21 hatte die Grünen in Sichtweite der Macht katapultiert. Als die langsam wieder bröckelte und in der Ferne verschwand, stieg plötzlich Rauch auf aus Atommeilern in 12.000 Kilometern Entfernung. Japan, so schlimm das klingt, war die Rettung für die Grünen. Auf einmal lagen sie wieder vorn in den Umfragen. Und nun, im Blitzlichtgewitter des Künstlerbunds, liegen sie vorn. Winfried Kretschmann wird schaffen, was keinem Grünen vor ihm vergönnt war, nicht einmal Joschka Fischer: Er wird, wenn alles gut für ihn läuft, eine Regierung führen. Das Amt ist nahe, doch selbst in diesem Augenblick erlaubt sich der Mann nur eine zarte Geste des Triumphs.

Das mag seinem Wesen geschuldet sein, aber vielleicht auch dem Bewusstsein, dass es leichtere Dinge gibt, als mit seinen Grünen zu regieren. Kretschmann sagt, studentische Erfahrungen beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands hätten ihn "geheilt von linksradikalen Anwandlungen". In seiner Partei hat ihm das auch Ärger eingebracht. Er hat sich zum Beispiel gegen sie gestellt, als die Mehrheit eines Grünen-Parteitags den CDU-Mann Gerhard Mayer-Vorfelder per Resolution zum Faschisten erklären wollte. Als grüne Feministinnen 1983 bei Vergewaltigungsverdacht die Unschuldsvermutung abschaffen wollten, warf er hin. Zwei Mal verließ er für ein paar Jahre die politische Bühne. Aber zwei Mal kehrte er zurück. Er hatte ein politisches Lebenswerk zu vollenden.

Politik, sagt Winfried Kretschmann gern, heiße "Menschen hinter einer Idee zu versammeln". Eine Idee hat seine gewundene Laufbahn geprägt: Dass man zusammenbringen muss, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Der bibelfeste Katholik könnte jetzt seine Partei ins gelobte Land führen. Das gelobte Land leuchtet Grün und Rot. Am Sonntag ist Winfried Kretschmann dort angekommen, haarscharf vor Nils Schmid.