Baden-Württemberg:"So ein Pensum kann nicht gesund sein"

Baden-Württemberg: Weiter in acht Jahren zum Abitur - oder endlich wieder in neun Jahren? Schülerinnen und Schüler in Ravensburg bei ihrer Abiturprüfung im Jahr 2020.

Weiter in acht Jahren zum Abitur - oder endlich wieder in neun Jahren? Schülerinnen und Schüler in Ravensburg bei ihrer Abiturprüfung im Jahr 2020.

(Foto: Felix Kästle/dpa)

Mehr als 100 000 Baden-Württemberger wollen zurück zum neunjährigen Gymnasium. Angestoßen hat den Volksantrag eine Ärztin, die die Belastung ihrer Kinder verringern wollte. Nun sucht die Politik einen "Schulfrieden".

Von Roland Muschel, Stuttgart

Seit 2017 drängt Anja Plesch-Krubner das Land Baden-Württemberg, flächendeckend zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren. Als der bayerische Landtag ebendiese Rückkehr zu G9 vor sieben Jahren beschloss, hatte die Heidelberger Ärztin noch die Hoffnung, dass ihr Sohn und ihre Tochter, damals Acht- und Viertklässler, von der Reform profitieren könnten. "Unser damals 13-jähriger Sohn hatte einen Zehnstunden-Schultag", erinnert sich Anja Plesch-Krubner. "So ein Pensum kann nicht gesund sein."

Der Sohn ist heute 20 und studiert, die Tochter ist 17 und besucht ein Privatgymnasium, das den neunjährigen Weg zum Abitur anbietet. Denn während fast alle anderen West-Bundesländer in der Zwischenzeit zu G 9 zurückkehrt sind, ist in Baden-Württemberg das vor rund 20 Jahren eingeführte achtjährige Gymnasium weiterhin Standard. Nun jedoch kommt dank eines Volksantrags, den Anja Plesch-Krubner und ihre Mitstreiterin Corinna Fellner initiiert haben, auch in Stuttgart Bewegung in die Debatte. 38 000 Unterschriften hätten die beiden Mütter innerhalb der einjährigen Frist sammeln müssen, damit der Landtag über ihren Antrag beraten und entscheiden muss. Sie sammelten fast 107 000.

Es geht um einen Konsens, der länger als eine Legislaturperiode Bestand hat

Vergangene Woche hat der Landtag den Volksantrag formal angenommen, im April wird er darüber entscheiden müssen. Lehnt das Parlament den Vorstoß ab, können die Initiatorinnen die nächste Eskalationsstufe zünden, ein Volksbegehren für eine Volksabstimmung. Der Druck ist also gewaltig - und zeigt bereits Wirkung. Wenn auch nicht unbedingt so, wie von Anja Plesch-Krubner intendiert.

Denn neuerdings bieten sich die grün-schwarze Regierung und die Oppositionsfraktionen von SPD und FDP wechselseitig Gespräche über einen "Schulfrieden" an: einen Konsens über Strukturen, die länger als eine Legislaturperiode Bestand haben sollen. G9 ist dabei nur ein Thema von vielen, auf der Agenda von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seiner grünen Partei etwa steht die Stärkung der frühkindlichen Bildung ganz oben. Plesch-Krubner sieht das mit Sorge: "In den Suppentopf wird jetzt so viel hineingeworfen, dass wir fürchten, dass unser Anliegen dabei verwässert wird oder sogar untergeht. Das aber werden wir nicht akzeptieren."

Ausweislich mehrerer Studien dümpelt das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg in der Bildungspolitik im Mittelfeld und damit unter seinen Ansprüchen. Das Schulsystem gleicht einem Wildwuchs. Als Kretschmann 2011 als erster Grüner überhaupt Ministerpräsident wurde, führte er mit dem damaligen Koalitionspartner SPD die Gemeinschaftsschule ein. Mittelfristig, so der Plan, sollte es im Südwesten nur noch Gemeinschaftsschulen und Gymnasien geben.

Doch als die Grünen fünf Jahre später ihre erste Koalition mit der CDU eingingen, einigten sich beide Seiten auf einen bildungspolitischen Burgfrieden: Die Konservativen akzeptierten die Existenz der Gemeinschaftsschule, die Grünen den Fortbestand der bereits angezählten Haupt- und Werkrealschule sowie der Realschule. So leistet sich Baden-Württemberg bis heute ein Nebeneinander des alten dreigliedrigen Schulsystems und der Gemeinschaftsschule. Dazu kommt in dem Industrieland eine traditionell starke Stellung der Berufsschulen.

Sprachtests, Kita-Pflichtjahr, Gymnasialempfehlung

Kretschmann sowie seine Bildungsministerin und Parteifreundin Theresa Schopper sehen den größten Reformbedarf nicht an den weiterführenden Schulen, sondern im Vorschul- und Grundschulbereich. Im Gespräch sind die Einführung von Sprachtests an den Kitas und eines verpflichtenden letzten Kita-Jahres, die Stärkung der Grundschulen und der Grundschulempfehlung für den Besuch der weiterführenden Schule. Wer künftig ohne entsprechende Empfehlung aufs Gymnasium oder die Realschule will, so eine Überlegung, soll künftig einen Aufnahmetest absolvieren müssen. Derzeit können Eltern die Empfehlung als das nehmen, was sie dem Namen nach auch ist: ein Rat ohne jede Verbindlichkeit.

Reichlich Stoff also für die parteiübergreifende Suche nach einem gemeinsamen Nenner in der Schulpolitik. Immerhin: Die Zahl der Einladungen zu Gesprächen über einen "Schulfrieden" oder eine "Bildungsallianz" ist bereits beachtlich: Als Erster bat der Chef der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Rülke, seine Amtskollegen von Grünen, CDU und SPD medienwirksam zum Austausch. Allein Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz machte so lange Terminschwierigkeiten geltend, bis die grüne Kultusministerin Schopper ihrerseits ein Gesprächsangebot verschickte.

Rülke wiederum erweiterte sein Angebot an Schwarz, ersatzweise auch andere Grüne zu dem von ihm vorgeschlagenen Treffen schicken zu können - also wahlweise Schopper oder gleich Kretschmann. Der Ministerpräsident wiederum will nun höchstpersönlich seine Ministerin und die Fraktionschefs von Grünen, CDU, SPD und FDP an einen Tisch bitten, um einen Konsens in Bildungsfragen auszuloten.

Damit ist jetzt auch das Anliegen von Anja Plesch-Krubner Chefsache.

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