Natürlich weiß heute niemand, wer 2026 der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird. Aber man liegt wahrscheinlich nicht komplett daneben, wenn man prognostiziert, dass der Nachfolger von Winfried Kretschmann (Grüne) am Mittwochabend auf der Bühne der Stuttgarter Veranstaltungslocation „Im Wizemann“ sitzt. Manuel Hagel, der CDU-Landeschef, und Cem Özdemir, der Hoffnungsträger der Grünen, sind zu Gast bei der Veranstaltung „SZ im Dialog“. Die beiden großen Favoriten für das wichtigste Amt des Landes.
Es ist kein direktes Aufeinandertreffen, kein Duell. Hagel und Özdemir betreten nicht gleichzeitig die Bühne, sondern nacheinander. Die Republik wappnet sich nach dem Kollaps der Ampelkoalition gerade für die nächste Bundestagswahl, da kann der Wahlkampf im Südwesten noch warten. Aber es ist derselbe Abend, es sind dieselben gut 550 Zuschauer. Witterung aufnehmen, würde man dazu im Tierreich sagen.
Den Anfang macht Manuel Hagel, der CDU-Landesvorsitzende. Der 36-Jährige hat in den vergangenen Jahren das diplomatische Kunststück vollbracht, die legendär zerstrittene Südwest-CDU hinter sich zu einen. Er gilt als exzellenter Netzwerker, hat vermutlich jedem Bürgermeister und jedem Ortsverbandsvorsitzenden schon mal die Hand geschüttelt. Jetzt geht es für ihn darum, an seiner Bekanntheit in der Bevölkerung zu arbeiten. In der CDU kennt Hagel jeder, außerhalb noch nicht. Was hat er vor mit dem Land?
Flammendes Plädoyer für den Verbrennungsmotor von Manuel Hagel
Zu tun gibt es zweifelsfrei genug. Hagel diagnostiziert eine „Staatskrise“, die Kommunen seien überfordert von Migration und überbordender Bürokratie. Das Land hat fünf Verwaltungsebenen, die Gemeinden, die Landkreise, die Regionalverbände, die Regierungspräsidien und das Land – „ich finde, da können mindestens zwei weg.“ Hagel, der Reformer, das ist die Botschaft.
Maßgeblich beteiligt an der aktuell eher depressiven Grundstimmung ist die Krise in der Automobilindustrie, sind die Stellenkürzungen, das Ächzen der Zulieferer. Das trifft das Autoland Baden-Württemberg besonders hart. Warum haben es die deutschen Autobauer nicht geschafft, das Tempo bei der Transformation zu erhöhen, will SZ-Politikchef und Moderator Stefan Kornelius wissen. Weil es „viel zu lange ein politisches Durcheinander“ gegeben habe, sagt Hagel, um dann zu einem flammenden Plädoyer für den Verbrennungsmotor anzusetzen.
Der Verbrenner sei keineswegs ein Auslaufmodell, das Problem sei „der Energieträger“, also Benzin und Diesel. Für die legendären baden-württembergischen Tüftler und Ingenieure hat er daher einen Arbeitsauftrag mitgebracht: „den Energieträger der Zukunft zu finden“. Das könnten synthetische Kraftstoffe sein, wer wisse das heute schon. Die Hoffnung, mit E-Fuels die schwäbischen Motoren zu retten, wird Özdemir später nicht teilen („ich war nur in Schulen, wo man Physik nicht abwählen konnte“). Zu ineffizient seien synthetische Kraftstoffe, zu geringe Mengen verfügbar. Als Lösung: „illusorisch“.
Keine unüberbrückbaren Gräben
Abgesehen von der kontroversen Antriebsfrage, klingen die beiden allerdings nicht so, als seien die Gräben zwischen ihren Parteien unüberbrückbar. Immerhin regieren Christdemokraten und Grüne hier im Südwesten seit acht Jahren weitgehend geräuschlos miteinander. Die Zusammenarbeit bezeichnet Hagel als „verlässlich und stabil“, zwei Adjektive, die einem gewissen bayerischen Ministerpräsidenten sicherlich nicht als Erstes in den Sinn kommen, wenn er an die Grünen denkt. Markus Söder bezeichnet die Grünen lieber als „nicht regierungsfähig“. Hagel sieht das, sehr zur Erheiterung des Publikums, dezidiert anders: „Die CSU ist ja unsere kleine Schwester.“ Schöne Grüße nach Bayern.
Hagel geht zweifelsfrei aus der Position der Stärke ins Rennen um die Villa Reitzenstein, den Amtssitz des Ministerpräsidenten. 16 Prozentpunkte lag die CDU zuletzt in den Umfragen vor den Grünen. Eine Tatsache, die Hagel zwar als „Momentaufnahme“ keineswegs überbewerten will, aber klar: „16 Prozent vorne liegen ist schon angenehmer als 16 Prozent hinten.“
Erstaunliche Ämterfülle für den Spitzenkandidaten Cem Özdemir
Wenig später tritt der Mann auf die Bühne, der diesen enormen Rückstand aufholen will. Özdemir hat in den vergangenen Wochen eine erstaunliche Ämterfülle auf sich vereint. Er ist nicht nur designierter grüner Spitzenkandidat und Bundeslandwirtschaftsminister – nach dem Ende der Ampelkoalition hat er auch das vakante Bildungsministerium übernommen. Und zumindest aus schwäbischer Sicht kann er da einen unschlagbaren Vorteil erkennen: „Ein Gehalt, zwei Ministerien: Spart den Steuerzahlern Geld.“

Das Ampel-Aus interessiert dann auch SZ-Chefredakteurin und Moderatorin Judith Wittwer: „Wie betrübt waren Sie?“ Özdemir bemüht sich leidlich, den Eindruck von Betroffenheit zu erwecken. Er beklagt das „schreckliche Bild“, das die Regierung abgegeben habe, und dass man sich schon fragen müsse, ob die Trennung wirklich angemessen war – an einem Tag, an dem die Amerikaner Donald Trump erneut zum US-Präsidenten gewählt hatten. Zur Wahrheit gehöre aber auch: „Ich glaube, die Mehrheit in Deutschland hat nicht Trauerflor getragen.“ Und man darf durchaus davon ausgehen, dass unter den Trauerflor-Verweigerern auch einige Grüne in Baden-Württemberg waren.
Die Ampelregierung hing wie ein schwerer Anker an Özdemirs Ambitionen in der Heimat. Egal, wie sehr er sich in den vergangenen Monaten von der Ampel distanzierte – er gehörte ihr nun mal an. Die Hoffnung der grünen Parteistrategen besteht darin, dass jetzt genug Zeit liegt zwischen der Bundestagwahl im kommenden Februar und der Landtagswahl in Baden-Württemberg im Frühjahr 2026. Weil auch ein möglicher Kanzler Merz mit Blick auf die leeren Kassen große Probleme haben könnte. Weil dann vielleicht doch noch eine Möglichkeit bestehe, den für die Grünen verheerenden Trend zu drehen. Özdemir sagt auf der Bühne, dass sich seine Partei auf jene Themen konzentrieren müsse, die die Bevölkerung interessieren: die Modernisierung der Wirtschaft, die Klärung der Migrationsfrage. Dann „haben wir alle Chancen, wieder deutlich stärker zu werden und in Baden-Württemberg wieder führende Kraft“.
Zieht man am Ende des Abends Bilanz, dann weiß man natürlich immer noch nicht, wer der nächste Ministerpräsident wird. Aber vielleicht lässt sich die Prognose wagen, dass der Wahlkampf ein bisschen spannender wird als bis vor Kurzem gedacht.

