Nachruf:Der kluge Zugezogene

Prof. Dr. Hans-Georg Wehling

Hans-Georg Wehling begründete die Buchreihe "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs" und lehrte an der Universität Tübingen.

(Foto: Sascha Baumann/All4foto)

Hans-Georg Wehling verließ den Ruhrpott, um den Menschen im Südwesten ihr Baden-Württemberg zu erklären. Nun ist der Politikwissenschaftler im Alter von 83 Jahren gestorben.

Von Roman Deininger, München

Man tritt den guten Menschen in Baden-Württemberg nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass sie nicht übermäßig darauf erpicht sind, sich ihr schönes, aber auch komplexes Land von Außenstehenden oder Zugezogenen erklären zu lassen. Für Hans-Georg Wehling haben sie eine Ausnahme gemacht: Beinahe ein halbes Jahrhundert lang haben sie den Politikwissenschaftler, der aus dem Ruhrpott kam und nicht nur dialektal jede Anpassung verweigerte, als führenden Baden-Württemberg-Deuter akzeptiert und geschätzt.

Auch politische Journalisten glauben ja allzu gern, bei ihren eigenen Deutungsversuchen ohne fremde Hilfe auskommen zu können. Doch wer mit Wehling zu tun hatte, tat sich schwer, diese Torheit aufrechtzuerhalten: Nach jedem Telefonat mit ihm war man klüger als zuvor. Mal legte er in unerschütterlicher Nüchternheit dar, warum die Grünen ausgerechnet im tiefkatholischen Oberschwaben ihren Siegeszug durch den Südwesten begonnen hatten; mal hielt er aus dem Stand ein mittellanges Referat über die Schlitzohrigkeit der Hohenloher Bauern. Politik und Kultur, für Wehling war das nicht zu trennen.

Seine gelegentliche Essensverabredungen mit Winfried Kretschmann darf man sich wohl als im besten Sinne zielführende Angelegenheiten vorstellen - so wie der Ministerpräsident hielt auch der Honorarprofessor aus Tübingen wenig von einem nutzlosen Überschuss an Worten. Sein gedrucktes Vermächtnis ist dennoch enorm; von 1969 bis 2003 arbeitete er für die Landeszentrale für politische Bildung in Stuttgart und etablierte dort die "Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs", die bis heute in Deutschland ihresgleichen suchen.

Weit über das Land hinaus wirkte der "Beutelsbacher Konsens", den er 1976 zusammen mit seinem Kollegen Siegfried Schiele formulierte. In Zeiten großer gesellschaftlicher Polarisierung schrieben die beiden fest, was politische Bildungsarbeit darf und soll: zu sachlicher Kontroverse und demokratischer Teilhabe befähigen statt zu indoktrinieren oder zu überwältigen.

Seine letzten Jahre hat Hans-Georg Wehling in jenem Landstrich verbracht, der ihn am meisten faszinierte, in Oberschwaben, dem Himmelreich des Barock zwischen Ulm und dem Bodensee. Dort, in Ravensburg, ist der "Vordenker der politischen Bildungsarbeit in Deutschland" (Kretschmann) nun im Alter von 83 Jahren gestorben.

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