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Baden-Württemberg:Freifahrt nach Hause

Wer nach Stuttgart fliegt, darf dort kostenlos den Bus nehmen - zumindest ein paar Monate lang.

Von Claudia Henzler

Wer zum ersten Mal mit dem öffentlichen Nahverkehr einer fremden Stadt konfrontiert wird, braucht einen gewissen sportlichen Ehrgeiz. Erst müssen die stets komplizierten Zonenpläne entziffert werden, dann stellt sich die Frage, in welchem Fall ein Mehrfachticket oder eine Tageskarte sinnvoll sein könnte. Am Ende kann es trotz aller Bemühungen sein, dass man zwar den richtigen Fahrschein gekauft, aber leider vergessen hat, ihn zu entwerten. Am Münchner Flughafen zum Beispiel gehören ratlose Menschen vor den Ticketautomaten zum alltäglichen Bild. Selbst Einheimische müssen immer wieder nachrecherchieren, wie das beim vergangenen Mal war: Hat sich das 13 Euro teure "Airport-City-Day-Ticket" gelohnt, oder war die Streifenkarte doch günstiger?

Der Stuttgarter Flughafen will seinen Kunden das Rätselraten künftig ersparen - und es ganz leicht machen, mit der S-Bahn oder dem Bus nach Hause oder ins Hotel zu fahren. Die Geschäftsführung plant, in Stuttgart als erster deutschen Stadt ein kostenloses Nahverkehrsticket für Fluggäste anzubieten; zunächst allerdings für ein paar Monate. "Wir wollen sehen, ob es einen Effekt hat", sagt eine Flughafensprecherin. Ob also Passagiere vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen.

Das Ganze soll weniger die Nerven der Kunden schonen, als ein Beitrag zum Klimaschutz sein - was auf den ersten Blick etwas drollig erscheinen mag. Was bringt es schon, auf den paar Kilometern vom Flughafen Benzin zu sparen, wenn man vorher kräftig Kerosin verheizt hat? Nun wird die Flughafengesellschaft vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart getragen, wo sich die grünen Chefs in der Staatskanzlei und im Rathaus seit Jahren in der Kunst der höheren Realpolitik beweisen. Sie stellen den Flugbetrieb nicht grundsätzlich infrage und sind auch noch nicht gegen Kurzstreckenflüge vorgegangen, versuchen aber, Passagiere und Geschäftsführung zu mehr Augenmaß zu ermahnen.

In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass Fluggäste auf der Webseite des Airports gebeten werden, mit leichtem Gepäck zu reisen, um Kerosin zu sparen, und bei langen Strecken lieber einen ausgiebigen Urlaub als einen Kurzaufenthalt zu buchen. Die Flughafengesellschaft selbst versucht, am Boden CO₂ zu sparen, indem sie etwa die Passagierbusse und die Gepäckschlepper auf Elektrofahrzeuge umgestellt hat und ein Starkstromnetz auf das Vorfeld verlegt, um parkende Jets mit sauberem Strom zu versorgen. Außerdem fördert der Airport zusammen mit dem Land die Forschung am elektrischen Fliegen und synthetischen Kerosin.

Der Test mit den Freifahrtscheinen soll "irgendwann im Frühjahr" beginnen. Noch gibt es keinen offiziellen Termin, weil das Organisatorische noch zu klären ist. Flugreisende sollen bei der Kontrolle nicht nur ihre Bordkarte, sondern auch eine Fahrkarte vorzeigen, damit der Flughafen weiß, wie viele Passagiere das Angebot nutzen. Er muss dem Verkehrsverbund nämlich die Fahrtkosten ersetzen. Weil das aufwendig ist, und die Gratistickets in die Automaten aufgenommen werden müssen, wird es sie zunächst nur für die Fahrt vom Flughafen nach Hause geben. Wer zum Airport will, muss also weiter Rätsel lösen.

© SZ vom 13.01.2020

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