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Baden-Württemberg:Warum sich CDU-Kandidat Wolf gegen Kretschmann so schwer tut

Wahlkampfveranstaltung der CDU Baden-Württemberg

Der CDU-Spitzenkandidat für die baden-württembergische Landtagswahl, Guido Wolf, bei einer Wahlkampfveranstaltung.

(Foto: dpa)
  • Der CDU-Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg, Guido Wolf, tut sich zunehmend schwer. Erstmals liegen die Grünen in Umfragen vor der CDU.
  • Wolf schiebt den schwarzen Peter nach Berlin, doch dort sieht man die Schuld beim Spitzenkandidaten.
  • Der hat sich von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin distanziert, während der Grüne Kretschmann die Kanzlerin unterstützt und damit bei den Wählern ankommt.

Von Josef Kelnberger, Stuttgart und Robert Roßmann, Berlin

Der Bus mit dem überlebensgroßen Konterfei von Guido Wolf brettert über die Autobahn, unterwegs zum nächsten Termin. Drinnen sitzt Spitzenkandidat Wolf im Normalformat, er hat schlechte Nachrichten zu verdauen: In einer Umfrage haben die Grünen seine baden-württembergische CDU überholt - und das Echo auf sein Papier zur Begrenzung der Flüchtlingszahlen ist verheerend. Ob er die Nase voll habe vom Wahlkampf? Bei der Frage geht ein Ruck durch den Kandidaten. "Mir macht das Spaß", sagt Wolf. Man müsse, um diese Ochsentour zu verkraften, eben "Leute mögen".

Bei aller Kritik, die Wolf dieser Tage einstecken muss, wird ihm dieses Talent niemand absprechen. Er bringt Leute zum Reden, er kann zuhören. "Stimmungen zu spüren", das nennt er seine größte Stärke. "Gehen Sie auf den Wochenmarkt, diskutieren Sie an Stehtischen mit den Leuten", sagt Wolf, als das Gespräch auf die Flüchtlinge kommt. "Sie werden die Verunsicherung spüren."

Die ersten bringen sich für die Zeit nach einer Niederlage in Stellung

Immer mehr Leute in der CDU fragen sich jedoch, ob Wolf im Wahlkampf zu viele Stimmungen aufnimmt, statt einer Strategie zu folgen. Lange galt es als sicher, dass Wolf der neue Ministerpräsident wird. Doch seine Kampagne ist derart ins Trudeln geraten, dass die ersten anfangen, sich mit Schuldzuweisungen für die Zeit nach einer Niederlage in Stellung zu bringen. In Teilen der Partei bis hinein in die Spitze herrscht helle Aufregung.

In der Führung der Bundespartei waren die meisten bisher nur enttäuscht über den schwachen Auftritt des Spitzenkandidaten. Doch am Wochenende wurde aus der Enttäuschung Ärger. Am Samstagvormittag hatte das CDU-Präsidium in einer Telefonkonferenz über die Lage nach dem EU-Gipfel beraten. Wolf war zugeschaltet. Er deutete nicht einmal an, dass er sich vom Kurs der Kanzlerin öffentlich absetzen will. Nach am selben Tag wurde dann aber bekannt, dass Wolf via Bild am Sonntag zusammen mit der rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin Julia Klöckner von Merkel tagesaktuelle Flüchtlingskontingente und die Einrichtung von Grenzzentren fordert.

Der Kandidat stellt sich gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin - ohne Vorwarnung

Unionsfraktionschef Volker Kauder wies die beiden Wahlkämpfer öffentlich zurecht. Jeden Tag neue Vorschläge zu machen, führe nicht zum Ziel. Andere CDU-Granden fanden nicht-öffentlich noch viel schärfere Worte. In der CDU-Spitze fangen sie an, die erste Brandmauer einzuziehen. Falls Wolf gegen den grünen Ministerpräsidenten Kretschmann verliert, soll die Schuld nicht nur mit der Kanzlerin nach Hause gehen.

Im Adenauer-Haus verweisen sie darauf, dass die CDU Baden-Württemberg normalerweise vier Prozentpunkte über dem Bundesschnitt liege. Derzeit rangiere sie aber deutlich unter dem Schnitt. Das zeige schon, dass die schlechte Lage im Südwesten nicht nur an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin liegen könne. Wolf beharrt zwar darauf, doch nur nationale "Zwischenschritte" auf dem Weg zu einer europäischen Lösung angeregt zu haben. Es handele sich nicht um Kritik an Merkel. Doch mit dieser Meinung steht er allein.

Auch über Wolfs Forderung, die Kanzlerin müsse sich von Kretschmann distanzieren, ist man in der CDU-Spitze nicht begeistert. Generalsekretär Peter Tauber erwähne doch in jedem Interview, dass wegen des Widerstands der Grünen die Ausweitung der Liste der sicheren Herkunftsstaaten nicht vorankomme, heißt es. Stolpernde Spitzenkandidaten, die die Schuld nach Berlin verlagern wollen, schätzen sie im Kanzleramt nicht besonders. Das eigentliche Problem sei doch, dass Kretschmann viel beliebter als Wolf sei, sagen sie in Berlin - und verweisen auf eine Lobpreisung des grünen Ministerpräsidenten für Merkel: "Welcher ihrer Amtskollegen in der EU soll denn Europa zusammenhalten, wenn sie fällt? Da ist weit und breit niemand in Sicht. Deshalb bete ich jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt." Der Grüne stehe hinter Merkel und habe damit Erfolg, heißt es in Berlin. Das sage doch alles.

Mit Wolf an der Spitze rutschen die Umfragewerte der CDU auf ein historisches Tief

Seit Wolf das Amt des Spitzenkandidaten übernahm, hat seine Partei zehn Prozentpunkte in den Umfragen verloren. Jetzt liegt sie bei 30 Prozent, historischer Tiefstand. Nicht alles ist Schuld des Kandidaten. Wolf setzte sich in der CDU-Vorwahl gegen den Landesvorsitzenden Thomas Strobl durch, weil die Mitglieder einen Kandidaten aus ihrer Mitte wollten - und nicht den vermeintlichen "Berliner" Strobl, den Merkel-Stellvertreter und Unionsfraktionsvize im Bundestag. Doch dann kam die Flüchtlingskrise, und die Wähler schauen nur noch nach Berlin. Kretschmann besorgte der Kanzlerin die grünen Stimmen, um ihre ersten Asylrechtsverschärfungen durch den Bundesrat zu bringen.

Das verschaffte ihm die Aura des Staatsmanns. Wolf, 54, der ehemalige Landrat aus Tuttlingen und Landtagspräsident, hat im Duell der Images nicht viel dagegenzusetzen. Er reitet gern, dichtet gern, macht gern Musik. Er ist schlagfertig und kann gut Pointen setzen. Ein pragmatischer Politiker ohne Berührungsängste. Doch sucht er im Tagesgeschäft allzu schnell den taktischen Vorteil. "Zwischen Merkel und Seehofer" hat er sich in der Flüchtlingsfrage positioniert, um Offenheit nach allen Seiten zu demonstrieren. Nun steht er im Niemandsland.

Auch in der Landespartei herrscht Besorgnis über die Kampagne des Kandidaten, die er im engsten Kreis ausgeheckt habe. "Lust auf Zukunft", mit dem Slogan dringt er nicht durch. Denn überall im Land stehen Riesenplakate mit Kretschmann: "Verantwortung und Augenmaß". Dazu: "Grün wählen für Kretschmann!". Auf diese landesväterliche Tour hat die CDU schon viele Wahlen gewonnen.

Guido Wolf will weiterhin versuchen, landespolitische Themen in den Vordergrund zu rücken, den Kampf für mehr Straßen und gegen die Gemeinschaftsschule. Noch kann er gewinnen. Eine Koalition als Juniorpartner der Grünen komme für ihn nicht infrage, sagt Wolf auf der Fahrt im Bus. Die Prophezeiung ist aber nicht allzu gewagt: Er wird keine Koalitionsverhandlungen mehr führen dürfen, falls er hinter den Grünen landet.

© SZ vom 24.02.2016/cmy

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