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NSU-Ausschuss:Zerstörte Mythen

Ob der Ausschuss sein Programm bis zur Wahl im März 2016 abarbeiten kann, daran hat Wolfgang Drexler Zweifel. Möglicherweise wird er nur einen Teilbericht vorlegen können. Was als Vermächtnis bleiben wird? Zumindest ein paar zerstörte Mythen. Florian H. war wohl doch nur ein labiler Mann, der zur Hochstapelei neigte und sich selbst verbrannt hat. Die dubiose Neoschutzstaffel, der er angehörte, hatte offenbar nur ein weiteres Mitglied.

Dass sich Rechtsradikale nach dem Gesundheitszustand von Kiesewetters verwundetem Kollegen erkundigten, ist offenbar ebenso nur eine Mär wie die Behauptung, ein Verfassungsschützer habe schon 2003 Kenntnis vom NSU gehabt, aber einen Aktenvermerk auf Weisung von oben vernichten müssen. All das ist Ergebnis von stundenlangen Befragungen. Von Leuten, die nicht an das Werk eines NSU-Trios glauben und eine größere Verschwörung vermuten, bekommt Drexler schon zu hören, ob er denn nicht wirklich aufklären wolle. Er kann nur antworten: "Wir brauchen Beweise."

Zumindest soll am Ende die Botschaft stehen, dass das Parlament den Sicherheitsbehörden nichts durchgehen lässt. Fassungslos macht Drexler vor allem, dass die beiden Ku-Klux-Klan-Polizisten fast ungeschoren davonkamen: "Entweder war das eine ungeheure Schlamperei, oder man hat die Fälle bewusst verschleppt."

Auf der Rohrbombe der Neonazis stand ein Name: Wolfgang Drexler

Warum solche Dinge Wolfgang Drexler ganz persönlich aufregen? Der Grund liegt in seiner Vita. In den Sechzigerjahren arbeitete er in Israel im Kibbuz. Er reiste mehrmals nach Polen und besuchte Auschwitz. Er litt unter dem Schweigen, der Sprachlosigkeit.

1971 heiratete er eine Polin - und neun Jahre später stand das Paar in Esslingen unter Polizeischutz, weil Drexler eine Ausstellung über die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze organisiert hatte. Im Privathaus des beteiligten Landrats ging eine Rohrbombe hoch. Als die rechtsradikale Zelle, die hinter dem Anschlag steckte, festgenommen wurde, fand man eine weitere Rohrbombe, darauf ein Name: Wolfgang Drexler.

Drexler will keine große Sache daraus machen, bloß erklären, warum er manchmal so laut wird. Und warum er auch nach 2016 als Parlamentarier arbeiten will. Ob ihn die Ausschussarbeit in den politischen "Olymp" befördern werde, wurde er kürzlich gefragt. "Ach, was täte ich denn da oben?", antwortete er lächelnd. Es gibt ja noch so viel zu tun, hier unten.

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