Aylan Kurdi:Welche Lehren sich aus der Studie ziehen lassen

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"Grundsätzlich ist es so, dass emotionale Bilder immer die Spendenbereitschaft befördern", bestätigt er. Das gelte aber auch für die Aufmerksamkeit überhaupt, die Medien einem Thema widmen. "Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, wo am nächsten Tag die Journalisten vor Ort sind und die entsprechenden Bilder liefern, macht sich das unmittelbar in einer höheren Spendenbereitschaft bemerkbar." Bei der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 dagegen, von der kaum berichtet wurde, war sie extrem niedrig - trotz Tausender Todesopfer.

Für die Forscher aus den USA und Schweden illustrieren die Ergebnisse ihrer Studie jedenfalls eindeutig einen "ikonischen Opfer-Effekt" des Bildes von Aylan. Die Daten zeigten darüber hinaus aber, dass diese Form der Empathie schnell wieder vergehe. Ein Jahr nach dem Foto von Aylan und trotz der Veröffentlichung weiterer berührender Aufnahmen von Flüchtlingen und Tausender Toter im Mittelmeer scheine sich wenig verändert zu haben - vor allem in Bezug auf die Bereitschaft von Regierungen, Maßnahmen zu ergreifen, um das Massensterben in Syrien zu beenden, so Slovic und seine Kollegen.

"Eine der wichtigen Lehren aus der Geschichte von Aylan ist: wir können nicht davon ausgehen, dass die Statistiken zu massiven humanitären Krisen unsere Aufmerksamkeit erregen oder uns dazu bewegen, etwas zu unternehmen - egal, wie groß die Opferzahl ist", schreiben die Wissenschaftler. Bereits bei zwei Betroffenen beginne das Mitgefühl schwächer zu werden. "Kein Wunder, dass wir ein 'psychisches Abstumpfen' erleben, wenn die Zahlen in die Tausende gehen", heißt es in der Studie.

Vielleicht überfordert eine größere Zahl von Opfern einfach die Empathiefähigkeit und das Vorstellungsvermögen der Menschen, vermuten die Wissenschaftler. Das Foto von Aylan allein dagegen "weckte die Welt vorübergehend auf", führte dazu, dass die Menschen und ihre Regierungen begannen, die syrische Flüchtlingskrise in ihrem furchtbaren Ausmaß wahrzunehmen und motivierte sie für eine Weile, zu handeln.

Die Hilfsbereitschaft sinkt, wenn es kompliziert wird

Doch weitergehende politische Entscheidungen oder konkrete Maßnahmen, um das Töten in Syrien zu beenden, blieben aus und das Interesse und die Hilfsbereitschaft der Menschen gingen wieder zurück. Hilfsorganisationen überrascht das nicht. Auch das Sammeln von Spenden für Opfer von Kriegen oder Bürgerkriegen ist schwieriger als für Menschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind.

"Weil die Leute sich fragen, was ihr Geld angesichts von politischen Verwicklungen bewirken kann", sagt Dieter Schütz vom DRK. "Gerade in Syrien ist die Lage ja völlig unübersichtlich." Obwohl etwa das DRK seit Jahren Menschen dort mit Zehntausenden Hilfspaketen unterstützt, sind manche Menschen offenbar unsicher, ob ihre Spende auch ankommt.

Was aber lässt sich aus ihren Erkenntnissen nun schließen, fragen sich die Wissenschaftler aus den USA und Schweden. Schicksale wie das von Aylan Kurdi helfen zu zeigen, dass es um Menschen geht, nicht um Zahlen. Ihre Wirkung biete eine Gelegenheit, auf der Grundlage der kurzfristig wirkenden Emotionen und längerfristig erstellten Analysen Entscheidungen zu treffen, für die sich die Menschen sonst vielleicht nicht interessieren würden.

Für Hilfsorganisationen eine Gratwanderung

Allerdings ist auch Vorsicht angebracht, denn Emotionen lassen sich missbrauchen. Und auch für Hilfsorganisationen ist es eine Gratwanderung, wenn sie mit Bildern von Opfern für Spenden werben wollen. "Ohne emotionale Bilder ist es schwierig", sagt Schütz. "Wir versuchen, nicht voyeuristisch zu sein. Und wenn Einzelschicksale beschrieben werden, muss immer auch darauf hingewiesen werden, dass es um Zehntausende weitere Menschen geht, nicht nur um die abgebildeten Personen."

Und sollte das Foto eines toten Kindes wie Aylan Kurdi nun gezeigt werden? "Wir würden auf unserer Homepage ein solches Foto nicht veröffentlichen, um damit die Spendebereitschaft zu erhöhen", sagt Schütz. "Aus unserer Sicht kann das die Würde des Betroffenen verletzen, auch wenn dieser tot ist. Ob die Medien es tun, müssen sie selbst entscheiden."

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