Krieg in der Ukraine:Bis zu 1000 Gefangene

Krieg in der Ukraine: Erschöpft: Ukrainische Soldaten nach dem Rückzug aus Awdijiwka außerhalb der lange umkämpften Stadt.

Erschöpft: Ukrainische Soldaten nach dem Rückzug aus Awdijiwka außerhalb der lange umkämpften Stadt.

(Foto: Madeleine Kelly/Imago)

Nach dem Fall der Stadt Awdijiwka an die Russen wird die Führung in Kiew scharf kritisiert: Der Rückzug sei zu spät gekommen und schlecht geplant gewesen.

Von Florian Hassel, Belgrad

Der Fall der Stadt Awdijiwka in der Ostukraine an die Russen ist offenbar folgenreicher als von der ukrainischen Führung zugegeben. Nach dem Rückzug der Ukrainer zeichnen ukrainische Soldaten und Analysten ein Bild von versäumten Maßnahmen, einem zu späten Rückzug mit hohen Verlusten und möglicherweise bis zu 1000 gefangen genommenen oder vermissten ukrainischen Soldaten. Zudem gibt es Berichte über die mutmaßliche Ermordung ukrainischer Kriegsgefangener durch die Russen.

Die New York Times berichtete unter Berufung auf zwei in der Ostukraine interviewte Soldaten, die über den Rückzug aus dem westlich von Donezk liegenden Awdijiwka informiert waren, es seien 850 bis 1000 Soldaten offenbar gefangen genommen oder vermisst. In Washington hätten hochrangige Offizielle diese Schätzungen zutreffend genannt. Das Institut für Kriegsstudien (ISW) kommentierte, aus offenen Quellen gebe es bisher keine Bestätigung, was indes nicht bedeute, dass der Bericht nicht zutreffe. General Oleksandr Tarnawskyj, der auf ukrainischer Seite bei Awdijiwka kommandierte, schrieb am 17. Februar im Nachrichtendienst Telegram, ukrainische Soldaten seien gefangengenommen worden, nannte indes keine Zahl.

Offenbar gab es seit Monaten einen Mangel an Soldaten, Munition sowie Lebensmitteln und Wasser

Bisher fehlen weitere Angaben über gefangene ukrainische Soldaten. Schlagzeilen machte bereits das Schicksal von sechs Soldaten der seit März 2022 für die Verteidigung von Awdijiwka eingesetzten 110. Mechanisierten Brigade, die verwundet in einem Bunker südlich von Awdijiwka zurückgelassen wurden, nachdem die Ukrainer unter heftigem russischem Beschuss keine gepanzerten Evakuierungsfahrzeuge schicken konnten. Auf russischen Militärbloggerkanälen tauchten Fotos auf, die Leichen ukrainischer Soldaten zeigten: Drei von ihnen (Georgi Pawlow, Andrij Dubinskij, Iwan Schitnik) seien von ihren Verwandten identifiziert worden; erschossen worden seien auch Oleksandr Sintschuk und Mykola Sawosik.

Der 110. Brigade zufolge sollen die Russen zuvor angeblich einem Gefangenenaustausch zugestimmt, doch sich nicht an die Absprache gehalten haben. Ukraines Ombudsmann rief die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz auf, den Tod der Soldaten als mutmaßliches Kriegsverbrechen zu untersuchen. Am 18. Februar erschossen russische Soldaten zudem bei Robotyne an der Front im Süden der Ukraine drei Kriegsgefangene, was eine ukrainische Aufklärungsdrohne festhielt.

Unterdessen wird nach dem Fall Awdijiwkas scharfe Kritik an der ukrainischen Führung laut. Dem Kyiv Independent berichteten ukrainische Soldaten der 110. Brigade über einen seit Monaten andauernden erheblichen Mangel an Soldaten, Munition und selbst Lebensmitteln und Wasser. In den vergangenen Wochen war es den vorrückenden Russen trotz hoher eigener Verluste gelungen, Awdijiwka von Osten, Norden und Süden einzukreisen und die einzige Rückzugsstraße nach Westen unter Feuer zu nehmen.

Der US-Militäranalyst Michael Kofman kritisierte den ukrainischen Rückzug als zu spät. "Man lässt nicht auf drei Seiten kämpfen, ohne genügend Truppen zu haben, um auf zwei Seiten zurückzuschlagen", sagte Kofman der Kiewer Zeitung. Der pensionierte englische Oberstleutnant Glen Grant, Militärberater der Ukrainer, sah es ähnlich: "Als klar wurde, dass die Front nicht halten würde, hätten wir vor drei Wochen überlegen müssen, wie wir einen kämpfenden Rückzug erreichen und dabei maximale Verluste zufügen. Alles, was wir jetzt erreicht haben, ist, ohne militärischen Gewinn viele Leute zu verlieren."

Wurde es versäumt, Verteidigungslinien auszuheben?

In einer ausführlichen Analyse über den Fall Awdijiwkas nannte Jurij Butusow vom ukrainischen Infodienst Censor.net etliche Defizite auf ukrainischer Seite und kritisierte die Militärführung und Präsident Wolodimir Selenskij scharf. Butusows Kritik wiegt umso schwerer, da er seit Monaten aus Awdijiwka berichtete und über beste Kontakte zu Offizieren und Soldaten verfügt. "Awdijiwka war eine sehr wichtige Verteidigungslinie - dies ist eine schwere Niederlage."

Butusow zufolge waren die Ukrainer nicht nur personell und bei Munition unterlegen: Sie hätten es im Unterschied zu den Russen auch versäumt, in den vergangenen Jahren und Monaten eine zweite befestigte Verteidigungslinie aus Schützengräben, befestigten Bunkern und anderen Einrichtungen zu bauen, in die sich ukrainische Soldaten im Falle eines Durchbruchs der Russen hätten zurückziehen können.

Sie müssen die Verteidigungspositionen mit Spaten aus der Erde graben

Schon Anfang November 2023 hatte Butusow Aufklärungsbilder veröffentlicht, denen zufolge die Russen sofort nach ihrem eigenen Vorrücken auf Awdijiwka hinter ihren eigenen Linien mit schwerem Gerät umfangreiche Verteidigungslinien für den Fall eines eigenen Rückzuges aushoben und bauten. Auf ukrainischer Seite aber seien die Militärverwaltung und zuständige Baueinheiten untätig geblieben, Pioniereinheiten des Militärs seien ebenso unterversorgt wie Transporteinheiten. "Die meisten Verteidigungspositionen werden von Soldaten mit einem Spaten aus der Erde gegraben."

Kommandeure hätten die Mängel bei Präsident Selenskij bei zwei Frontbesuchen - etwa am 29. Dezember 2023 - reklamiert; passiert sei nichts. Bis heute gebe es selbst jenseits Awdijiwkas keine ausgebauten Verteidigungslinien, stellte Butusow am 19. Februar fest. Notwendige Verstärkung für die bei Awdijiwka eingesetzten Einheiten sei Wochen zu spät gekommen, auch der Rückzug zu spät befohlen worden. Butusow zufolge wiederholte die ukrainische Führung Fehler, die schon beim Fall von Städten wie Sewerodonezk, Soledar oder Bachmut begangen worden seien oder durch zu späten Rückzug zu hohen eigenen Verlusten geführt hätten. Butusow kritisierte auch Berichte in Kiew, denen zufolge die ukrainische Führung ständig beteuere, die Lage sei unter Kontrolle - und dann plötzlich den Rückzug befehle.

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