Autor Jean Ziegler:Die Nekrose zerfrisst das Gesicht des Kindes

Ist es zynisch, mit solchen Zahlen zu hantieren? All die Kinder hier auf dem Papier zu einem monströsen Leichenberg aufzutürmen? Andererseits: Ist es nicht merkwürdig, dass einen der Satz, alle fünf Sekunden sterbe ein Kind an Hunger, nicht durchschüttelt? Vielleicht weil man denkt, ja nun, ich bin nicht das Weltgewissen, außerdem macht mir die Euro-Krise genug Sorgen.

Vor allem aber ist der Satz völlig aseptisch, weil abstrakt. Er vermittelt ja nicht, wie das ist, beispielsweise an Noma, einer Hungerkrankheit, zu sterben: "Erst schwillt das Gesicht des Kindes an, dann zerfrisst die Nekrose alle weichen Gewebe. Lippen und Wangen verschwinden, klaffende Löcher tun sich auf. Die Augen hängen nach unten, da der Knochen der Augenhöhle zerstört wird. Der Kiefer wird unbeweglich. Die Narbenbildung entstellt das Gesicht. Da der Kiefer blockiert wird, kann das Kind den Mund nicht mehr öffnen. Daraufhin bricht die Mutter die Zähne an der einen Seite heraus, um dem Kind eine Hirsesuppe einflößen zu können." So beschreibt Ziegler in seinem neuen großen Buch "Wir lassen sie verhungern" die Folgen dieser Krankheit, an der vor allem unterernährte Kinder zugrunde gehen (C. Bertelsmann, 320 S., 19,99 Euro, erscheint am kommenden Montag).

Jetzt aber betritt Ziegler erst mal die kleine Dorfgaststätte, in der an diesem Mittag vornehmlich die Weinbauern des Dorfes sitzen, die ihn alle mit Handschlag grüßen, "Bonjour Jean". Er selbst hat mit seinen großen Händen, dem freundlich flächigen Gesicht, der gemütlichen Art auch unbedingt eher was von einem großväterlichen Handwerker als von einem Vizepräsidenten des beratenden Ausschusses für den UN-Menschenrechtsrat, wie sein Titel momentan lautet. Vielleicht ist all das aber auch nur Mimikry, schließlich schrieb er mal den schönen Satz: "Je radikaler die Ansichten sind, desto kleinbürgerlicher musst du aussehen."

"Ich kenn Sie doch. Sie sind diese Fernsehvisage", ruft einer

Am Nebentisch sitzen zwei blondierte Frauen und ein Mann mit onduliertem Haar, Sonnenbrille und blütenweißem Hemd, die ab und an herüberschauen. Und während Ziegler sagt, wissen Sie, Noma, das ist ja keine biblische Plage, keine Strafe Gottes und kein medizinisches Rätsel, man braucht drei Euro, um ein Kind zu heilen, da das nicht passiert, sterben jedes Jahr 140.000 Menschen daran, ruft der Mann im Segler-Outfit plötzlich in schneidendem Ton: "Ich kenn Sie doch. Sie sind diese Fernsehvisage. Dupont? Müller? Schmidt?" Er ruft all die Namen mit feistem Grinsen, die beiden Damen ducken sich weg, eine Hand vorm Mund, ihre zuckenden Schultern verraten das unterdrückte Glucksen.

Da wechselt der Mann die Stimmlage und ruft kalt wie ein Zuchtmeister: "Herr Ziegler." Ziegler unterbricht sich. "Herr Ziegler, ich will Ihnen mal was sagen, jeder hat das Recht, Geld anzunehmen, das ihm geschenkt wird." Ziegler: "Kommt drauf an, was Sie unter Geschenken verstehen." Es geht sofort hoch her und wirkt so, als hätten die beiden die ganze Zeit zuvor ein Florett unter dem Tisch versteckt gehalten und nur darauf gewartet, damit aufeinander loszugehen.

Es wird erst klar, worum es geht, als Ziegler sagt, er stoße sich nun mal daran, "dass unser Schweizer Reichtum durch die Plünderung des deutschen Fiskus zustandekommt." Die beiden Damen seufzen pikiert auf, aber als Ziegler anfügt, der Schweizer Bundesrat tauge ja leider nichts, weil er sich nicht traue, klar Farbe zu bekennen, wird der Segler plötzlich versöhnlich. Unfähiger Bundesrat, blöder Staat, endlich was, worauf man gemeinsam schimpfen kann.

Der Mann löst den argumentativen Infight also mit rustikalem Schulterklopfen und lautem Lachen auf, um dann aber mit dieser schneidend leisen Stimme im Weggehen zu sagen: "Ziegler, reden Sie nett von uns. Sie haben mich verstanden." Wow. Was war das denn? "Das war eine kleine Kostprobe vom Schweizer Hass."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB