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Autor der Studie zu Muslimen in Deutschland:Die Ablehnung schaukelt sich wechselseitig auf

Süddeutsche.de: Welche?

Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Frindte

Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena gehört zu den Autoren einer Studie über junge Muslime in Deutschland, die die Integrationsdebatte neu entfacht hat.

(Foto: dpa)

Frindte: Die entscheidende Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft - das haben wir dezidiert hervorgehoben - ist Kommunikation mit den Migranten. Die Gesellschaft muss gleiche Chancen für Muslime auf dem Arbeitsmarkt schaffen, gleiche Bildungschancen, mehr Möglichkeiten, die deutsche Sprache zu erlernen. Und man muss den jungen Migranten die Chance zur politischen Teilhabe geben. Es geht nicht nur um Symbolpolitik auf der Berliner Bühne, sondern um reale Kontakte in der Region, in den Stadtvierteln.

Süddeutsche.de: Viele Menschen sind überzeugt davon, dass die Verantwortung allein bei den Muslimen liegt. Die müssten nur wollen.

Frindte: Wenn ein Teil der jungen Muslime eine nur geringe Bereitschaft zeigt, sich mit der deutschen Kultur zu identifizieren, dann hängt das auch damit zusammen, dass sie sich als Gruppe diskriminiert fühlen. Das ist ein Wechselspiel zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft. Wir haben das während unserer Studie am Beispiel der Sarrazin-Debatte 2010 beobachten können: Muslime, die nach dem Erscheinen seines Buches interviewt wurden, legten viel mehr Vorurteile und eine größere Ablehnung gegenüber Deutschland und dem Westen an den Tag als jene, die wir zuvor befragt hatten. Da stellt sich die Frage, ob das mit dem Sarrazin-Hype zu tun hatte. Dass Thilo Sarrazin jetzt sagt, er sehe sich durch die Studie bestätigt, ist tragisch.

Süddeutsche.de: Identifizieren sich Muslime, die diskriminiert werden oder sich diskriminiert fühlen, noch stärker mit der Gruppe, der sie zugeordnet werden? Schließlich fühlen sie sich dort akzeptiert.

Frindte: Da würde ich Ihnen vollständig zustimmen. Und die Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen wird dadurch verstärkt. Repräsentative Studien zeigen, dass 20 bis 25 Prozent der Deutschen dem Islam oder Muslimen ablehnend oder feindlich gegenüberstehen. Die Ablehnung in der deutschen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft kann sich wechselseitig aufschaukeln und den Integrationswillen der Muslime weiter einschränken.

Süddeutsche.de: Es klingt bedrohlich, wenn so viele Muslime in Deutschland Gewalt akzeptieren. Handelt es sich hier um einen Rekrutierungspool für islamistische Terroristen?

Frindte: Nein. Es geht nicht um die persönliche Gewaltbereitschaft. Die betroffenen Muslime sind der Meinung: Wenn es so weit kommt, dass die westliche Welt sie unterdrückt, dann würden sie unter Umständen auch Gruppengewalt als legitimes Mittel betrachten, um sich zu verteidigen. Und es ist noch eine ganz andere Frage, wie sie diese Einstellung im realen Verhalten umsetzen würden. Darüber wissen wir relativ wenig. Aber ich sage ganz klar: Wir haben hier nicht potentielle Dschihadisten identifiziert. Der Dschihad ist in Deutschland noch nicht angekommen. Und auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft haben wir ja eine ähnliche Problematik: Denken Sie an die NSU-Terroristen und ihre Opfer.

Süddeutsche.de: Hängt die autoritäre Einstellung, die viele junge Muslime zeigen, mit ihrer Religion zusammen? Oder mit ihrer kulturellen Herkunft?

Frindte: Wir haben die Ursache dieser Neigung hier nicht untersucht. Andere Studien zeigen aber, dass eine autoritäre Einstellung häufig mit Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsradikalismus zusammenfällt. Mit dem Islam oder Religion hat das wenig zu tun, eher mit traditionellen Familienstrukturen - sowohl bei Muslimen als auch bei Nichtmuslimen. Es geht hier um eine Neigung, sich unterzuordnen und sich aggressiv gegenüber jenen zu verhalten, die das nicht tun wollen. Auch konservative Glaubens- und Ideologiefacetten spielen eine Rolle.

Süddeutsche.de: Manche Politiker fordern nun, es dürfe keine Parallelgesellschaften in Deutschland geben, die die deutsche Gesellschafts- und Werteordnung bedrohen.

Frindte: Es wäre blauäugig, zu sagen, dass da nichts parallel laufen würde. Wir sind ein Einwanderungsland und es gibt einen Zuwachs der muslimischen Bevölkerung. Es gibt Abgrenzungen auf beiden Seiten. Aber ich entnehme unserer Erhebung keine vordergründige Bedrohung unserer Gesellschafts- und Werteordnung. Trotzdem ist es notwendig, etwas zu tun. Und neben den positiven Signalen, die unsere Studie gibt, darf man eines nicht vergessen: Wir haben 15 Jahre nicht gewusst, dass sich in unserem Gemeinwesen ein Rechtsextremismus entwickelt hat, der zu Morden führt. Wir müssen also dem Gewaltpotential in den Bevölkerungsgruppen gegenüber grundsätzlich sensibel sein. Das gilt für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen.

Hier finden Sie eine Stellungnahme zu der aktuellen Studie von Naika Foroutan vom Forschungsprojekt Heymat (Hybride Europäisch-muslimische Identitäts-Modelle) an der Humboldt-Universität zu Berlin.

© Süddeutsche.de/segi/holz
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