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Autonomes Fahren:Daten-Autobahn

Fahrzeuge der Zukunft schicken viele Informationen nach China.

Von Thomas Fromm

Um große Datensammler wie Google, Amazon oder Apple rundum zu versorgen, kann man auch gut zu Hause bleiben. Die fleißige Amazon-Assistentin Alexa, vernetzte Kühlschränke und Fernseher, Smartphones, Computer - es gibt viele Möglichkeiten, IT-Unternehmen Einblicke ins Privatleben zu gewähren.

Das richtig große Geschäft aber kommt erst noch. Wenn in einigen Jahren mit Sensoren, Kameras, Navigationseinheiten und Bordcomputern hochgerüstete Autos autonom über die Straßen rollen, werden dabei Informationen abfallen wie selten zuvor. Experten glauben, dass solche rollenden Computer, die selbständig durch den Verkehr navigieren, einige Tausend Gigabyte an Daten täglich produzieren werden. Die Frage ist nur: Wo werden all diese Informationen dann aufbewahrt - und wer hat Zugriff?

Eine Studie der Münchner Patentkanzlei Grünecker, die weltweit Patentanmeldungen rund um das autonome Fahren ausgewertet hat, kommt nun zu folgendem Ergebnis: Die traditionellen Autohersteller verstehen sich zwar hervorragend auf ihr Kerngeschäft und haben inzwischen auch gelernt, Daten elektronisch zu erfassen und so die autonomen Autos zu steuern.

Wenn es aber darum geht, all diese Daten auch zu managen - auszuwerten und zu speichern -, sieht es nicht mehr so gut aus: Das Know-how liege inzwischen zum größten Teil bei chinesischen und amerikanischen Tech-Riesen, so die Experten. Bei Unternehmen wie Alibaba, Tencent, Baidu, IBM, Microsoft und Google. Acht der zehn aktivsten Patentanmelder kämen aus China, so die Studie. Von europäischen Firmen tut sich einzig noch der Softwareanbieter SAP hervor.

Gigantische Mengen an Daten und Informationen könnten also bald irgendwo landen - nur nicht bei BMW, Audi oder Daimler. "Die seit Jahren vertretene Vorstellung vieler Automanager, dass die Daten automatisch beim Fahrer oder eben beim Hersteller bleiben, hat sich inzwischen als naiv erwiesen", sagt Jens Koch, Patentanwalt bei Grünecker. Da schließe sich die Frage an: "Wer bekommt diese Daten, wer darf darüber verfügen, bis zu welchem Punkt und für wie lange?"

Was also, wenn dann bald Millionen autonomer Autos auf den Straßen sind und immer weiter Daten produzieren? "Wer heute die Daten autonomer Autos managt, bekommt von den Sensoren alle Informationen geliefert", so Koch. "Meine Bewegungsprofile zu den verschiedensten Tageszeiten, wann ich wie über eine Baustelle gefahren bin, wann ich wo angehalten habe. Wer solche Daten an Dritte weiterverkauft, kann damit ein lukratives Geschäft machen." Das Thema treibt längst auch Manager in der Industrie um. Man sei in Europa "aufgeschmissen", wenn es darum gehe, "große Mengen an Daten zu speichern und zu verarbeiten", gab der Chef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen, Wolf-Henning Scheider, jetzt in einem Interview offen zu.

Am Ende geht es um mehr als autonome Autos und ihre Daten - es geht um handfeste politische Interessen. "Die Datenkraken aus China und den USA sammeln, was sie kriegen können", sagt Anwalt Koch. "Als Europäer müssen wir uns fragen, wie stark diese Abhängigkeit noch werden wird."

© SZ vom 30.09.2020
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