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Autohersteller:Das Projekt Stillstand

Warum der geplante Streik der IG Metall sowohl die deutsche, aber auch die gesamte europäische Automobilindustrie treffen würde.

24 Stunden? Die Leute in der Autobranche müssen lange nachdenken, um sich an einen Streik dieser Dauer zu erinnern. An die 1980er-Jahre erinnern sich die Älteren, als die Arbeitnehmer die 35-Stunden-Woche erstritten haben. Die Industrie ist deshalb aus der Übung beim Arbeitskampf, sagt Volker Steinmaier vom baden-württembergischen Arbeitgeberverband Südwestmetall. Zumal es früher ruhiger zuging. Die Produktion mag heute zwar live überwachbar sein per Satellit und Internet. Aber sie ist diffiziler und anfälliger.

Die immer zahlreicheren Ausstattungsvarianten in Automodellen und die weltweite Vernetzung der Lieferanten führen dazu, dass ein Ausstand heute schnell schmerzhafter wird als früher. Bereits ein eintägiger Streik bei Lieferanten wird zur Herausforderung für alle. Den Teileherstellern drohen Vertragsstrafen von ausländischen Autobauern, die kein Verständnis für deutsche Streiks haben. Und in ganz Europa stehen Werke still: Ungefähr drei von vier Teilen eines Autos werden zugeliefert, egal ob bei Audi, BMW, Citroën, Ford, Mercedes, Opel oder VW.

Porsche denkt schon über Schichten am Samstag nach

Bei BMW vergehen mitunter nur sechs Stunden, höchstens aber zwei Tage, bis die per Waggon oder Lastwagen herbeigeschafften Kabelbäume, Sitze, Getriebe oder Auspuffanlagen in den Bändern der Fahrzeugwerke verbaut werden. In dieser von Produktionsfachleuten "Just in Time" oder "Just in Sequence" genannten Fertigung gibt es keine Lager mehr, die Ausfälle abpuffern können. Weil sich die Autos aufgrund der Kundenwünsche unterscheiden und es viele Teile in vielen Varianten gibt und der Lagerbedarf unabsehbar wäre, sparen sich die Autobauer den Lagerplatz lieber ganz - zumal sie ihr Geld nicht in Vorräte binden wollen. Fehlt jedoch ein zentrales Teil, lässt sich nicht einfach der Wagen außenrum fertigstellen. Dann steht alles. Und dann gilt es auch dafür zu sorgen, sagt ein BMW-Sprecher, dass die Lieferwagen nicht vor den Werken Schlange stehen.

Die IG-Metall wird jeweils erst am Vortag über ihre Streikorte informieren. Die Autobauer telefonieren deshalb mit den entscheidenden Zulieferern: Vielleicht kann man doch hier und da einen kleinen Vorrat anlegen. Und dann ist da natürlich das Risiko, dass die Werke und die Verwaltung der Hersteller selbst bestreikt werden; möglicherweise alle gleichzeitig. Da hilft keine Planung mehr. In schlechten Zeiten mag das sogar finanzielle Entspannung bieten, da den streikenden Gewerkschaftsmitgliedern kein Lohn gezahlt werden muss. Aber gerade brummt der Autoverkauf fast überall. 4000 Autos baut BMW am Tag in Deutschland, auch VW und Mercedes bauen Tausende Wagen am Tag. Bei Porsche in Stuttgart sind es nur 250 Wagen, aber dafür gut bezahlte: Der 911er soll in möglichst großen Stückzahlen gefertigt werden, weil zum Jahresende eine neue Version kommt und bis dahin noch mal möglichst viel mit dem bisherigen Modell verdient werden soll. Man werde deshalb versuchen, einen möglichen Streiktag über zusätzliche Samstagsschichten aufzufangen, heißt es bei Porsche aus Stuttgart, aber auch aus München. Dadurch würde am Jahresende in der Bilanz ein einmaliger 24-Stunden-Streit kaum aufscheinen. Für die Arbeitnehmer wäre das übrigens gar keine so schlechte Sache: Sie bekommen ordentliche Samstags-Zuschläge.

© SZ vom 29.01.2018

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